Wir waren mit kleinen Gruppen unterwegs. Vier oder fünf Fahrzeuge. Manchmal zwei Fahrzeuge, zwei Menschen und zwei Hunde. Das war wahrscheinlich die beste Variante. Und dann waren wir sehr oft alleine. Eigentlich die meiste Zeit. Und irgendwann habe ich begriffen, dass genau das der größte Luxus geworden ist.
Nicht das Fahrzeug. Nicht die Freiheit,
morgens irgendwo mitten in der Wüste aufzuwachen. Nicht der Kaffee vor dem Auto, während irgendwo am Horizont ein Kamel herumsteht und aussieht, als hätte es gerade einen schlechten Vertrag mit dem Leben unterschrieben.Die wirkliche Freiheit ist: Niemandem erklären zu müssen, was man morgen macht.
Das klingt zunächst nicht besonders spektakulär. Aber fahr einmal mit vier oder fünf Fahrzeugen durch die Welt. Dann lernst du sehr schnell, dass eine Reise mit mehreren Leuten eine Art demokratische Diktatur auf Rädern ist. Einer muss tanken. Einer muss einkaufen. Eine muss pinkeln. Einer hat keine Lust. Einer hat zu viel Lust. Einer hat Durchfall. Einer hat Sand in den Schuhen.
Und irgendwann sagt jemand: „Wir sollten morgen vielleicht auf einen Campingplatz fahren.“ Warum? „Weil meine Tante unbedingt duschen muss. Ich muss ihr was bieten“
Und plötzlich sitzt du in Mauretanien. Du hast gerade einen der schönsten Plätze der Welt gefunden. Der Atlantik liegt vor dir. Hinter dir beginnt die Wüste. Der Wind schiebt den Sand über die Ebene. Castor hat gerade irgendeine Spur gefunden, die vermutlich älter ist als die meisten europäischen Demokratien.
Und du weißt: Morgen fährst du auf einen Campingplatz. Weil die Tante eines Mitreisenden Sand in den Ritzen hat. Das ist der Moment, in dem du begreifst, dass Freiheit manchmal an einer Dusche scheitert. Und an einer Tante.
Ich habe auf diesen Reisen gelernt, dass Menschen wunderbar sein können. Und gleichzeitig unerträg-liche Krätzen. Beides stimmt. Menschen helfen dir, wenn du irgendwo in der Wüste feststeckst. Sie teilen ihr Essen. Sie öffnen ihre Häuser. Sie stehen mitten in der Nacht neben deinem Fahrzeug, wenn irgendetwas kaputtgegangen ist. Und dann verbringen sie drei Stunden damit, darüber zu diskutieren, ob man links oder rechts abbiegen sollte, obwohl beide Wege in dieselbe Richtung führen.Menschen sind großartig. Aber Menschen sind auch ein logistisches Problem. Und irgendwann wird die Ruhe unbezahlbar. In Russland war es die Weite. Nicht die politische Diskussion. Nicht das, was irgendwelche Menschen in Europa über Russland erzählen. Sondern diese endlosen Entfernungen, in denen du fährst und irgendwann merkst, dass du seit Stunden niemanden gesehen hast.
Kein Verkehr. Kein Lärm. Keine Nachricht. Kein Mensch, der dir erklärt, was jetzt angeblich sinnvoll wäre. Nur du. Das Fahrzeug. Der Hund. Und diese riesige Landschaft, die keinen verdammten Wert darauf legt, ob du gerade einen guten Tag hast.
In Georgien und Armenien war es anders. Dort waren es die Menschen. Die Dörfer. Die Straßen. Die Momente, in denen du irgendwo stehst und nicht weißt, ob du gerade in einer Landschaft oder in einem alten Traum gelandet bist. Aber auch dort gab es diese Augenblicke, in denen du einfach nur irgendwo stehen wolltest. Nicht weiter. Nicht zurück. Nicht zu einem bestimmten Ziel.
Einfach stehen. Und niemandem erklären müssen, warum. Das ist eine Fähigkeit, die wir in Europa beinahe verloren haben. Wir müssen ständig irgendwohin. Wir müssen etwas erleben. Wir müssen Fotos machen. Wir müssen erzählen, dass wir etwas erlebt haben. Und wenn wir endlich irgendwo ankommen, holen wir das Telefon heraus und erzählen der Welt, dass wir jetzt gerade an einem Ort sind, an dem wir eigentlich einfach nur sein wollten.
In der Westsahara habe ich gelernt, dass Einsamkeit nicht leer sein muss. Die Wüste ist nicht leer. Das erzählen nur Menschen, die nie lange genug dort waren. Die Wüste ist voller Stille und voller Geräusche. Wind. Sand. Das Knacken des Fahrzeugs, wenn das Metall nach einem langen Tag abkühlt. Der Hund, der irgendwo herumläuft. Der eigene Atem. Und dann diese Stille.
Eine Stille, die zunächst unangenehm ist. Weil sie nichts von dir will. Sie fragt nicht, ob du erfolgreich bist. Sie fragt nicht, ob du genug verdient hast. Sie fragt nicht, ob du heute produktiv warst. Sie will kein Passwort. Keinen Termin. Keine Antwort. Sie ist einfach da.
Und irgendwann merkst du, wie dein Kopf langsamer wird. Nicht dümmer. Nur langsamer.
Der Blutdruck geht nach unten. Die Nervosität verschwindet. Der Kopf hört auf, in alle Richtungen zu springen wie ein überdrehter Hund auf einer Autobahnraststätte. Und plötzlich werden die Dinge, über die sich die gesamte Welt aufregt, vollkommen unwichtig.
Die Nachrichten. Die Empörung. Der nächste Skandal. Der Idiot, der irgendetwas gesagt hat. Der andere Idiot, der darauf geantwortet hat. Und die hunderttausend Menschen, die anschließend erklären, warum beide Idioten sind. Alles weg.
Nicht, weil es nicht existiert. Sondern weil du plötzlich merkst, dass es in deinem Leben keine Bedeutung hat. Du sitzt da. Vielleicht in Mauretanien. Vielleicht in der Westsahara. Vielleicht irgendwo in Russland, wo die Landschaft so groß ist, dass selbst die eigenen Probleme darin aussehen wie ein schlecht geparkter Einkaufswagen.
Und du hast Zeit. Nicht fünf Minuten. Nicht die Zeit, die zwischen zwei Verpflichtungen übrig bleibt. Sondern Stunden. Mehrere Stunden. Tage. Zeit, in der du über die wirklich wichtigen Dinge nachdenken kannst. Was willst du eigentlich noch? Was brauchst du wirklich? Was war wichtig? Was war nur Lärm?
Welche Menschen gehören noch in dein Leben? Welche kannst du getrost dort lassen, wo sie sind? Und was zum Teufel machst du eigentlich mit dem Rest deiner Zeit? Und wenn Du noch berufstätig bist solltest Du mal Überlegen - Wie viele Sommerurlaube habe ich eigentlich noch?
Solche Fragen tauchen nicht auf, wenn du ständig von Menschen, Nachrichten, Terminen und dem allgemeinen Irrsinn der Welt zugeschüttet wirst.
Dafür brauchst du Ruhe. Und Stille. Wirkliche Stille. Denn in der Stille kommt nicht nur die Ruhe. In der Stille kommt auch die Wahrheit. Und die ist manchmal unangenehm. Aber wenigstens ist sie deine eigene. Vielleicht ist genau das der Grund, warum viele Menschen die Einsamkeit nicht aushalten.Nicht, weil sie niemanden um sich haben. Sondern weil sie plötzlich sich selbst um sich haben. Ohne Ablenkung. Ohne Publikum. Ohne jemanden, dem man die Schuld geben kann. Nur du. Deine Gedanken. Und diese verdammt große Landschaft.
Das kann einem schon einmal auf den Sack gehen. Aber nach einigen Stunden passiert etwas Merkwürdiges. Du stellst fest, dass du gar nicht so viel brauchst, wie du dachtest. Du brauchst keinen Lärm. Keine ständige Unterhaltung. Keine Meinung zu jedem Scheiß. Du brauchst nicht einmal unbedingt eine Antwort. Manchmal reicht es, eine Frage lange genug im Kopf liegen zu lassen. Und irgendwann wird sie kleiner. Oder du wirst größer. Das weiß ich nicht genau. Ich bin kein Psychologe.
Ich fahre Auto und rede mit einem Hund. Aber ich weiß, dass ich nach Stunden in der Stille anders denke als nach Stunden in einer Stadt. Anders als nach einem Tag voller Nachrichten. Anders als nach einem Abend mit Menschen, die alle etwas wollen. Die Stille macht die Dinge nicht unbedingt besser. Aber sie macht sie klarer. Und vieles, was vorher riesig aussah, schrumpft auf seine tatsächliche Größe.
Ein kleiner, lächerlicher Haufen Scheiße. Das ist eine erstaunliche Erkenntnis. Du kannst dich wochenlang über etwas aufregen. Dann sitzt du irgendwo in der Wüste. Der Blutdruck sinkt. Der Puls wird langsamer. Der Wind bläst. Und plötzlich denkst du:
Warum habe ich mich darüber eigentlich so aufgeregt?
Und du hast keine Antwort. Weil es keine gab. Es war nur Lärm. Mauretanien war dabei vielleicht der größte Lehrmeister. Dort lernst du sehr schnell, was wirklich wichtig ist. Wasser. Diesel. Schatten. Ein funktionierendes Fahrzeug. Ein Hund, der nicht gerade versucht, einen Skorpion zu fressen. Und ein Platz, an dem du schlafen kannst. Der Rest wird erstaunlich schnell unwichtig. Du brauchst keine fünf Restaurants. Du brauchst keinen Wellnessbereich. Du brauchst keine 40 Sorten Joghurt. Du brauchst manchmal nur einen Platz, an dem der Wind nicht ganz so stark bläst. Einen schlechten Kaffee. Ein bisschen Schatten. Und Zeit. Verdammt viel Zeit.Vielleicht ist das der Grund, warum wir so weit fahren. Nicht, weil wir immer etwas suchen. Sondern weil wir weit genug weg wollen von all dem, was ständig etwas von uns will. Von den Nachrichten. Von den Meinungen. Von den Erwartungen. Von den Menschen, die genau wissen, was du tun solltest.
Und dann sitzt du irgendwann irgendwo. In Russland. In Armenien. In der Westsahara. In Mauretanien. Oder an irgendeinem gottverlassenen Platz, den du nicht einmal auf der Karte findest. Castor liegt neben dem Fahrzeug. Der Wind geht. Der Kaffee ist schlecht. Das Essen auch. Die Karre macht ein Geräusch, das sie gestern noch nicht gemacht hat. Und trotzdem ist alles in Ordnung. Weil niemand da ist, der dir erklären muss, dass es nicht in Ordnung ist und Dir auf den Sack geht.
Ich habe auch gelernt, dass die optimale Reisegesellschaft nicht unbedingt aus vielen Menschen besteht.
Zwei Fahrzeuge. Zwei Menschen. Zwei Hunde. Das kann funktionieren. Weil man sich nicht permanent auf der Pelle liegt. Weil jeder auch einmal verschwinden kann. Weil einer irgendwo stehenbleiben kann, während der andere weiterfährt. Weil man nicht jede Entscheidung zur Sitzung des Europäischen Rates machen muss. Und wenn Castor keine Lust auf eine Diskussion hat, dann legt er sich einfach hin.
Das ist eine bemerkenswerte Fähigkeit. Der Hund hat die Demokratie verstanden. Manchmal ist die beste Gruppe eine Gruppe, in der jeder weiß, wann er den Mund halten muss.
Aber der größte Luxus bleibt: alleine zu fahren. Alleine aufzuwachen. Alleine zu entscheiden. Heute weiter? Heute bleiben? Links? Rechts? Noch 300 Kilometer? Oder nur 30? Kein Problem. Niemand wartet. Niemand ist beleidigt. Niemand sitzt im anderen Fahrzeug und denkt: „Der könnte jetzt aber auch mal ein bisschen schneller fahren.“ Niemand braucht eine Dusche. Niemand braucht einen Campingplatz. Niemand braucht eine Abstimmung.
Du entscheidest. Und wenn die Entscheidung schlecht war, bist du wenigstens selbst schuld. Das ist eine erstaunlich angenehme Form von Verantwortung. Wir leben in einer Welt, in der Einsamkeit als Problem verkauft wird. Vielleicht, weil man mit einem Menschen, der alleine zufrieden ist, ziemlich schlecht Geschäfte machen kann.
Ein Mensch, der alleine sein kann, braucht nicht ständig Unterhaltung. Er braucht keine Veranstaltung. Keine Gruppe. Keinen Algorithmus, der ihm erklärt, was er jetzt interessant finden soll. Er kann irgendwo sitzen. Eine Tasse Kaffee trinken. In die Gegend schauen. Und feststellen, dass für diesen Moment nichts fehlt. Das ist Luxus. Nicht die Rolex. Nicht die Villa. Nicht der neue Geländewagen.
Sondern irgendwo in Mauretanien zu stehen und zu denken: Ich muss heute nirgendwohin. Und niemand kann mir sagen, dass ich es muss.
Nach 28 Ländern und mehr als 70.000 Kilometern ist das vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die geblieben ist. Die Welt ist groß. Viel größer, als die meisten Menschen glauben. Aber der eigene Lärm ist oft noch größer. Deshalb fahren wir vielleicht so weit. Nicht, weil wir etwas suchen. Sondern weil wir endlich weit genug weg sein wollen von all dem, was ständig etwas von uns will.
Und irgendwann sitzt du da. Mehrere Stunden. Nicht fünf Minuten. Nicht zwischen zwei Terminen. Nicht mit einem Handy in der Hand und dem Kopf schon wieder bei dem nächsten Scheiß.
Und plötzlich merkst du, dass die meisten Dinge, die dich zuhause beschäftigt haben, gar nicht so wichtig waren. Und wenn du lange genug davon weg bist, hörst du irgendwann wieder, was unter dem ganzen Scheiß noch übrig ist.
Dich selbst. Das kann unangenehm sein. Aber es ist ehrlich. Und vielleicht ist das der eigentliche Luxus der Einsamkeit. Vielleicht ist Einsamkeit deshalb der größte Luxus geworden.
Nicht die Einsamkeit, bei der du niemanden hast. Sondern die Einsamkeit, bei der du niemanden brauchst, um für ein paar Stunden vollkommen zufrieden zu sein. Und zum ersten Mal seit langer Zeit will niemand etwas von mir.
Das ist keine Einsamkeit. Das ist Freiheit. Der Rest ist nur Kilometer.


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