Der Tag, an dem mein Dachzelt einen Tagessatz verdiente

Heute habe ich mein Dachzelt verkauft.
GFK. Ein paar Scharniere. Eine Matratze. Mehr war es eigentlich nicht. Und doch hing daran ein Stück Leben. Viele Nächte. Regen. Wind. Hitze. Kalte Morgen. Sonnenuntergänge irgendwo im Nirgendwo.

Als der Käufer vom Hof fuhr, blieb das Geld auf dem Tisch liegen.
Ich musste lachen. Nicht, weil es besonders viel Geld war. Sondern weil mir plötzlich auffiel, dass dieser Verkauf ziemlich genau meinem Tagessatz entsprach, den ich früher als Interimmanager in vielen Projekten verdient habe.

Früher hätte ich dafür morgens um fünf den Wecker gestellt. Zum Flughafen gehetzt. Im Anzug zwischen Menschen gesessen, die alle wichtig aussahen und trotzdem dieselben müden Gesichter hatten. Irgendwo ein Mietwagen. Irgendein Besprechungsraum. Irgendeine Firma, die glaubte, ihre Probleme seien die einzigen auf der Welt.

Heute verkauft ein Dachzelt seinen letzten Dienst. Kein Stress. Kein Hotel. Kein Vorstand. Kein PowerPoint. Ich sitze stattdessen im Garten. Der Grill knistert leise. Castor liegt im Gras und hebt nur kurz den Kopf, als ein Flugzeug über uns hinwegzieht.


Ich schaue ihm nach. Früher wäre ich wahrscheinlich darin gesessen. Heute sehe ich zu, wie es langsam in der untergehenden Sonne verschwindet. Und ich verspüre nicht einmal den Wunsch, mitzufliegen.

Komisch. Früher war Reisen Arbeit. Heute ist Arbeit das, was mir das Reisen ermöglicht hat.

In meinem Artikel für das Quantum-Magazin habe ich geschrieben, dass Zeit meine neue Währung geworden ist. Heute ist mir klar geworden, was das wirklich bedeutet.

Nicht das Geld vom Dachzelt ist der Gewinn.
Der Gewinn ist, dass ich heute selbst entscheiden kann, was ich mit diesem Abend anfange. Grillen. Ein Glas Wein. Mit Castor durchs Dorf laufen. Oder morgen einfach losfahren, wenn mir danach ist.

Früher habe ich meine Zeit verkauft. Heute verkaufe ich Dinge, die ich nicht mehr brauche. Das ist ein verdammt guter Tausch.

Und während das Flugzeug hinter dem Horizont verschwindet, denke ich keinen Augenblick daran, wieder einzusteigen. Man wird älter. Man wird ruhiger. Und irgendwann merkt man, dass Freiheit viel leiser ist, als man sie sich früher vorgestellt hat.

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