Blödsinn. Die Wahrheit fängt erst an, wenn wir wieder zu Hause sind.
Der Alteteht irgendwann auf, kratzt sich am Bart, schaut aus dem Fenster und tut so, als hätte er einen Plan. Hat er natürlich nicht. Er kocht Kaffee auf seiner Maschine mit Pads weil er faul ist, gibt mir Fressen aus der Dose und überlegt wie wir den Tag bis zum Abend überbrücken.
Dann zündet er erst mal den Grill an. Irgendwas landet drauf. Steak. Wurst. Manchmal riecht das Fleisch so gut, dass ich kurz glaube, der Himmel hätte geöffnet. Aber nein."Castor! Weg da!" Immer derselbe Satz.
Dann macht er das Lagerfeuer an. Holz aus dem Wald haben wir ja. Männer brauchen offenbar zwei Feuer gleichzeitig. Eins reicht nicht. Wahrscheinlich ist das so ein Menschending. Während ich mich gerade auf dem Bett ausstrecke, kommt das nächste Kommando. "Runter!"
Ich tue erst so, als hätte ich nichts gehört. Man muss den Alten schließlich erziehen. Beim zweiten Befehl springe ich dann doch runter. Er behauptet übrigens immer, ich würde ihm die Flasche Wein öffnen und wegtrinken. Keine Ahnung, warum er diese Geschichte ständig erzählt. Ich habe weder Daumen noch einen Korkenzieher. Aber nach dem zweiten Glas ist er fest davon überzeugt, dass ich das gewesen bin. Beim Wein versteht er keinen Spaß, deshalb darf nicht verschüttet werden, gleich wie nervös ich als armer Hund bin.
Dann geht's in den Wald. Nicht, weil ich das will. Der Alte will das. Sagt das sei gut für kleine Hunde. Er nennt das Training. Ich nenne es unbezahlte Überstunden."Sitz." "Platz." "Hierher." "Warte." "Bravo" Nein. Links. Rechts. Pfeifen. Handzeichen. Wieder von vorne. Er sagt, wir müssen jetzt üben. Solange wir zu Hause sind. Damit ich später, irgendwo in der Wüste oder in einer endlosen Steppe, frei laufen kann, ohne Blödsinn zu machen. Klingt vernünftig. Ist es wahrscheinlich sogar.
Aber dann kommt dieser verdammte Wald. Der riecht nämlich nicht nach Vernunft. Der riecht nach Hase. Nach Reh. Nach Wildschwein. Nach Fuchs. Und manchmal... ...nach Goldschakal.
Bei Hase schaltet mein Gehirn aus. Beim Reh sowieso. Da höre ich den ersten Pfiff nicht. Den zweiten vielleicht. Den dritten manchmal. Nicht weil ich ungehorsam bin. Sondern weil meine Nase längst entschieden hat, dass sie heute das Kommando übernimmt.
Und dann ist da dieser Goldschakal. Große Klappe habe ich nur bis zu dem Moment, in dem ich ihn rieche. Dann wird aus dem mutigen Abenteurer plötzlich ein sehr vernünftiger Hund. Der Schwanz verschwindet irgendwo zwischen den Hinterbeinen. Ich schaue den Alten an.
"Du... wir könnten jetzt eigentlich wieder nach Hause." Am besten sofort. Ins Auto. Tür zu. Fenster hoch. Der Alte lacht sich jedes Mal kaputt. "Na, Held?" Ja. Held. Aber nur bis zum Goldschakal.
Zu Hause legt er noch Holz ins Feuer. Ich rolle mich daneben zusammen. Er trinkt seinen Wein. Ich bekomme ein Stück vom Steak. Und dann sitzen wir einfach da.
Kein Telefon. Kein Lärm. Nur das Knistern vom Feuer. Manchmal glaube ich, genau dafür fahren wir tausende Kilometer durch die Welt. Damit wir irgendwann wieder zu Hause sitzen können und merken, dass Abenteuer gar keine Frage des Ortes sind. Sondern der Menschen. Oder der Hunde.
Und morgen? Morgen übt der Alte wieder den Rückruf. Ich werde selbstverständlich sofort kommen. Na ja... Vielleicht nach dem zweiten Pfiff.Und dann kommt regelmässig der Blick in die Ferne, der Blick auf Google Maps mit der Überlegung wohin es als nächstes gehen könnte. Die Autos sind ja bereits fast wieder fit.
Der Alte noch nicht ganz, den er geht ja nun fast so stramm auf die 70 zu wie ich auf die 2. Im September habe ich Geburtstag. 24 Monate von denen ich 20 mit dem Alten in 28 Ländern unterwegs war. Schafft manche Oma nicht.




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