Castor ist nicht MEIN Hund

Die Leute meinen es nett.
„Schöner Hund.“
„Was für ein braver Hund.“
„Wie alt ist dein Hund?“

Mein Hund. Ich hasse dieses Wort. Nicht, weil es falsch ist. Sondern weil es nach Besitz klingt. Nach Eigentum. Nach einer Sache, die man sich angeschafft hat, weil der Garten zu groß oder das Leben zu leer geworden ist.
Castor ist kein Besitz. Er ist auch kein vierbeiniger Unterhalter, der Kunststücke aufführt, damit Fremde lächeln.

Er ist 
  • Mein Reisegefährte.
  • Mein Lebensgefährte.
  • Mein Freund.
  • Mein Partner.
Der Unterschied ist größer, als die meisten jemals verstehen werden. Wir leben zusammen auf wenigen Quadratmetern. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. 24 Stunden. Es gibt keine Feierabendwohnung, in die einer von uns verschwindet. Keine Auszeit. Kein „Ich brauche mal meine Ruhe.“
Nur Straße. Staub. Regen. Hitze. Schnee. Und uns beide.




Wenn du mit einem Menschen so lange auf engstem Raum unterwegs bist, lernst du ihn entweder lieben oder hassen. Mit Castor musste ich nie wählen.

Er war einfach da.
Still. Aufmerksam. Ehrlich. Etwas, das bei Menschen erschreckend selten geworden ist. Menschen lügen. Sie lügen aus Höflichkeit. Aus Angst. Aus Gewohnheit. Aus Dummheit. Wie so mancher stunzdumme Bundeskanzler. Sie erzählen dir von Freiheit und fahren jeden Morgen dieselbe Strecke zur Arbeit. Sie reden von Träumen und kaufen sich den dritten Fernseher. Sie posten Sonnenuntergänge und merken nicht einmal, dass sie sie nur noch durch das Display sehen.

Castor macht diesen Unsinn nicht. Wenn er sich freut, wedelt er. Wenn er Angst hat, zeigt er sie. Wenn er jemanden nicht mag, tut er nicht so, als wäre alles in Ordnung. Vielleicht ist das der Grund, warum ich Hunde oft lieber mag als viele Menschen. Nicht weil Hunde besser sind. Sondern weil sie ehrlicher sind.

Ich habe Castor nie beigebracht, mein Leben zu retten. Und trotzdem hat er es getan. Nicht, indem er einen Bären vertrieben oder einen Einbrecher gebissen hätte. Sondern indem er verhindert hat, dass ich vergesse, warum ich überhaupt unterwegs bin.




Manchmal stehst du irgendwo am Arsch der Welt. Das Internet funktioniert nicht. Der Kaffee schmeckt nach altem Motoröl. Es regnet seit drei Tagen. Irgendwo klappert wieder etwas am Auto und du weißt genau, dass das Werkzeug gleich zum dritten Mal aus der Kiste fliegt. Dann setzt sich Castor neben dich.

Keine klugen Sprüche.
Keine Lebensweisheiten.
Kein „Das wird schon wieder.“
Er ist einfach da.
Und plötzlich reicht das.
Vielleicht ist genau das Freundschaft.
Nicht reden.
Nicht erklären.
Einfach bleiben.

Die meisten glauben, sie hätten einen Hund.
Ich glaube, wir haben uns gegenseitig gefunden. Er vertraut mir sein Leben an. Ich vertraue ihm meine Tage. Das ist ein verdammt fairer Handel. 

Es gibt Menschen, die würden ihren Hund nie ohne Leine laufen lassen. Nicht, weil der Hund weglaufen würde. Sondern weil sie Angst haben.
Angst ist ein beschissener Begleiter. Vertrauen ist besser.
Castor läuft frei, wann immer es möglich ist. Nicht weil er perfekt erzogen wurde. Sondern weil wir uns irgendwann darauf geeinigt haben, dass keiner den anderen verlassen will.
Das nennt man Partnerschaft. Nicht Gehorsam. Partnerschaft. 

Manchmal sehe ich ihn schlafen. Die Pfoten zucken. Die Nase arbeitet. Wahrscheinlich rennt er im Traum über irgendeinen Strand, den wir längst hinter uns gelassen haben. Vielleicht träumt er auch von den Straßen, die noch vor uns liegen.

Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt muss ich es auch nicht wissen. Es genügt mir zu wissen, dass er morgen wieder aufsteht. Dass er sich schüttelt. Dass er mich ansieht. Und dass in diesem Blick dieselbe Frage steckt wie jeden verdammten Morgen.

„Na, Alter ... wo fahren wir heute hin?“  Dann starte ich den Motor. Der Diesel hämmert los. Der Karren setzt sich in Bewegung. Castor legt sich auf seinen Platz, als wäre das der selbstverständlichste Ort der Welt. Vielleicht ist er das auch.
Denn Heimat ist kein Haus. Keine Adresse. Keine Postleitzahl. Heimat ist der Ort, an dem jemand auf dich wartet, wenn du die Tür öffnest.

Bei mir hat diese Heimat vier Pfoten. Und hört auf den Namen Castor.
Nicht mein Hund.
Mein Freund.
Mein Reisegefährte.
Mein Partner.

Bis die Straße irgendwann entscheidet, dass einer von uns vorausgehen muss.

Keine Kommentare: