Warum macht jemand so etwas?

"Du bist doch verrückt." Diesen Satz höre ich öfter. Manchmal mit einem Lächeln. Manchmal mit echtem Unverständnis. Manchmal von Menschen, die seit Jahrzehnten jeden Morgen dieselbe Strecke fahren, acht Stunden in einem Büro sitzen und glauben, das sei der normale Weg zu leben.


Sie fragen mich: Warum fährt jemand freiwillig bei minus 26 Grad durch Norwegen? Warum stellt man sich in eine weiße Landschaft, in der es keinen Menschen gibt? 

Warum fährt man mit einem Geländewagen tausende Kilometer durch Wüsten, über Schotterpisten und durch Gegenden, in denen selbst Google Maps irgendwann keine Antworten mehr hat?

Warum Armenien? Warum Georgien? Warum die Weite Russlands? Warum die Sahara?

Die Antwort ist schwer zu erklären. Denn es geht nicht wirklich um das Fahren. Es geht nicht um den Geländewagen. Es geht nicht um Kilometer. OK, natürlich auch etwas. Es geht um etwas, das aber immer seltener geworden ist.

Ruhe. Echte Ruhe. 

Ich habe lange genug in einer Welt gelebt, in der alles einen Takt hatte. Als Interim-Manager. Als Unternehmensberater. Als Leadership Coach. 

Zeit war Geld. Jede Stunde hatte einen Wert. Jede Minute einen Preis. Meetings. Termine. Telefonate. Flughäfen. Hotels. Mietwagen. Immer unterwegs. Immer erreichbar. Immer, denn Kunden interessieren sich nicht für Zeitzonen von denen sie nicht wissen, wo ich gerade bin. 

Und irgendwann merkst du, dass du zwar viel bewegst, aber selbst kaum noch zur Ruhe kommst. Aber diese Zeit war nicht falsch. Im Gegenteil. Sie war notwendig. Sie hat die Grundlage geschaffen für das, was heute möglich ist. Sie hat mir nicht nur Erfahrungen gebracht, sondern auch die finanzielle Freiheit, heute einfach loszufahren. Nicht mit der Angst im Hinterkopf, ob ich morgen meine Rechnungen bezahlen kann. Nicht mit der Sorge, ob ich irgendwann Pfandflaschen sammeln muss.

Diese Freiheit ist nicht vom Himmel gefallen. Sie wurde erarbeitet. In 45 Jahren. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem du entscheiden kannst, was du mit dieser Freiheit machst. Und ich habe mich entschieden, wieder Zeit zu besitzen. Nicht mehr nur Zeit zu verkaufen.



Viele denken, ich fahre wegen des Offroad-Fahrens. Ja, aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Der Geländewagen ist ein Werkzeug. Er ist der Masterkey. Er öffnet Türen zu Orten, die für viele Menschen verschlossen bleiben. Er bringt mich dorthin, wo Asphalt endet. Wo Tankstellen selten werden. Wo der nächste Mensch vielleicht hundert Kilometer entfernt ist. Und wo du endgültig Deine Komfortzone verlässt.

Aber das Ziel ist nicht die Piste. Das Ziel ist der Moment danach. Wenn der Motor ausgeht. Wenn plötzlich nichts mehr passiert.


Das habe ich zuerst im Norden gelernt. In Lappland. In der Kälte. Bei Temperaturen, bei denen viele Menschen nicht einmal freiwillig ihr Haus verlassen würden. Minus 26 Grad klingt für viele wie eine Bedrohung. Ist es auch aber für mich ist es eine Befreiung. Denn Kälte macht etwas mit dir. Sie reduziert dich auf das Wesentliche.

Du kannst keine Rolle spielen. Keine Geschichten erzählen. Keinen Eindruck machen. Die Kälte interessiert sich nicht dafür, wer du bist. Sie fragt nicht nach deinem Beruf. Nicht nach deinem Einkommen. Nicht danach, wie wichtig du dich selbst hältst.

Sie verlangt nur eines: Sei aufmerksam. Sei vorbereitet. Sei im Moment. Nach einigen Tagen merkst du, dass du nicht mehr gegen die Kälte kämpfst. Du akzeptierst sie. Und genau dann beginnt etwas Interessantes.

Du wirst ruhig.

Wenn der Motor abgestellt ist, bleibt nur Stille. Keine Autos. Keine Flugzeuge. Keine Stimmen. Kein Hintergrundrauschen einer Stadt. Es ist wie eine akustische Diät für die Seele. Am Anfang hörst du noch deine eigenen Gedanken. Und du hörst Dein Herz pochen.

Alles, was zu Hause ständig irgendwo im Hintergrund läuft. Termine. Probleme. Aufgaben. Dann werden diese Gedanken langsamer. Und irgendwann werden sie leise. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich diese Orte suche. Nicht weil ich vor der Welt davonlaufen möchte. Sondern weil ich wieder hören möchte, was sonst vom Lärm überdeckt wird.


Und dann ist da die Wüste.

Die Wüste ist die Steigerung von allem. Lappland nimmt dir den Lärm. Die Wüste nimmt dir zusätzlich noch die Orientierung. Dort gibt es keine Ablenkung. Keine Schaufenster. Keine Werbung. Keine Menschenmengen. Keine künstlichen Ziele. Nur Himmel. Sand. Wind. Und Zeit.

Oder besser gesagt: Das Ende von Zeit. Denn irgendwann hörst du auf, auf die Uhr zu schauen. Du fährst nicht nach Kilometer. Du fährst nicht nach Stunden. Du fährst auf ein Ziel zu. Der Rest ist unwichtig.

Ob du drei Stunden brauchst oder acht. Ob du heute ankommst oder morgen. Die Wüste interessiert das nicht. Sie wartet. Sie hat Millionen Jahre Zeit. Abends sitzt du vor deinem Fahrzeug. Der Motor knackt beim Abkühlen. Castor liegt irgendwo im Sand und träumt wahrscheinlich von Dingen, die nur Hunde verstehen.

Der Tee wird langsam kalt. Der Wein wird warm (wenn Du ausreichend mitgenommen hast) Und um dich herum ist nichts. Aber dieses Nichts ist kein leeres Nichts.

Es ist voll. Voll mit Ruhe. Voll mit Gedanken. Voll mit dem Gefühl, dass du gerade genau dort bist, wo du sein solltest. 

Viele Menschen fragen: "Hast du keine Angst, so alleine unterwegs zu sein?" Nein. Die größere Angst habe ich inzwischen vor einer Welt, in der jeder ständig beschäftigt ist, aber kaum noch weiß, warum. Die Einsamkeit draußen macht mir keine Angst. Die Unruhe drinnen schon. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen einem Touristen und einem Overlander.

Der Tourist sucht Orte. Der Overlander sucht Erfahrungen.

Der Tourist sammelt Fotos. Der Overlander sammelt Augenblicke.

Der Tourist fragt: "Was gibt es dort zu sehen?" Der Overlander fragt: "Was macht dieser Ort mit mir?"

Warum macht jemand so etwas? Warum fährt jemand freiwillig in Kälte, Hitze und Einsamkeit?

Weil Freiheit nicht bedeutet, überall hingehen zu können. Freiheit bedeutet, nicht überall hingehen zu müssen. Sie bedeutet, den Motor irgendwo mitten im Nirgendwo abzustellen. Auszusteigen. In den Himmel zu schauen. Festzustellen, dass kein Handy klingelt. Dass niemand etwas will. Dass die Welt auch ohne deinen Beitrag weiterläuft.

Vielleicht ist genau das heute der größte Luxus. Nicht ein teures Auto. Nicht ein Hotel. Nicht irgendein Statussymbol. Sondern ein Moment, in dem nichts passiert. Und du trotzdem glücklich bist.

Denn irgendwann verstehst du: Man kann Zeit nicht kaufen. Aber man kann aufhören, sie zu verkaufen.

Und vielleicht beginnt genau dort echte Freiheit. Dort, wo die letzte Straße endet.

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