Niemand hupt

Mehrere tausend Kilometer durch Mauretanien. Sand, Hitze, Staub. Eine Landschaft, die dich nicht fragt, wer du bist, sondern nur, ob dein Motor heute noch Lust hat weiterzumachen. Zwischen Wüste und Staubdörfern zieht sich die Straße wie ein schlechter Witz, der trotzdem funktioniert.

Und dann fällt dir etwas auf, das in Europa fast absurd wirkt. Außerhalb der Städte hupt dort niemand.

Nicht ein einziges Mal dieses nervöse, aggressive Gehupe, das bei uns schon bei drei Sekunden Verzögerung losgeht.

In Mauretanien ist das kein Ausdruck von „Zeitgewinn“ oder irgendeiner romantischen Überhöhung. Die Menschen dort haben keine Fähigkeit, Zeit zu erzeugen oder zu verbiegen. Sie sind einfach gelassen. Punkt.

Ein Kamel steht auf der Straße. Dann steht es eben da. Ein alter Toyota kämpft sich durch den Sand. Dann wartet man eben kurz. Ziegen, Kinder, staubige Lastwagen – alles bewegt sich in einem Tempo, das nicht diskutiert wird.

Die Hupe existiert. Aber sie wird benutzt, wenn es wirklich nötig ist. Nicht als Waffe. Nicht als Ersatz für fehlende Selbstkontrolle. Nicht als kleines Ego-Statement auf vier Rädern.

Dann kommst du zurück nach Europa.

Und plötzlich ist da dieses nervöse Dauergehupe. Ampel grün – und sofort ein Schlag ins Ohr, als hätte jemand Angst, dass die Welt in den nächsten zwei Sekunden untergeht. Supermarktparkplatz, Stau, Kreisverkehr – überall Menschen, die offenbar glauben, ihre Hupe sei ein Beschleunigungsapparat für das Universum.

Ist sie nicht. Es ist nur Lärm. Billiger, nutzloser Lärm. Und genau da liegt der Unterschied.

In Mauretanien fahren Menschen oft mit weniger Komfort, weniger Sicherheit, weniger Technik. Aber sie haben etwas, das hier manchmal komplett verloren gegangen ist: die Fähigkeit, einen Moment einfach nicht zu zerstören, nur weil er nicht sofort nach dem eigenen Willen läuft.

Das ist keine Überlegenheit. Keine Romantisierung. Nur eine Beobachtung. Gelassenheit ist dort kein Konzept. Sie ist Alltag. Und Alltag braucht keine Hupe.

Hier dagegen wirkt jede Fahrt manchmal wie ein kleiner Nervenzusammenbruch auf Rädern. Als würde jeder Verkehrsteilnehmer glauben, sein persönliches Tempo sei ein Naturgesetz. Ist es nicht.

Die Hupe beweist nichts. Außer, dass jemand gerade vergessen hat, wie wenig er eigentlich kontrolliert.

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