Man säuft sich die Sache schön oder man fängt an, selbst nachzudenken.
Ich habe mich für Russisch entschieden. Nicht, weil ich plötzlich Putin zum Schwiegervater machen will, nicht weil ich Russland für das Paradies auf Erden halte und schon gar nicht, weil ich glaube, dass in Moskau morgens die Engel aufstehen und abends die Welt retten.
Ich lerne Russisch, weil ich die Schnauze voll davon habe, mir die Welt immer nur von anderen übersetzen zu lassen. Von Regierungen, lerlogenen Kanzlern, Nachrichtensendern und irgendwelchen EX-perten, die mir aus klimatisierten Fernsehstudios erklären, wie die Menschen in einem Land denken, in dem sie wahrscheinlich noch nie länger als einen Zwischenstopp am Flughafen verbracht haben.
Vielleicht gibt es dafür aber noch einen anderen Grund. Ich war letztes Jahr rund 4.500 Kilometer in Russland unterwegs. Mit meinem eigenen Fahrzeug, nicht im Regierungsflieger und nicht im Fünfsternehotel mit Sicherheitsdienst vor der Tür. Ich habe dort mit ganz normalen Menschen gesprochen, mit Zivilisten, Soldaten, Polizisten, Grenzbeamten und Bauern. Und jetzt kommt der Teil, der in manche deutschen Redaktionsstuben wahrscheinlich ungefähr so gut passt wie ein Furz in einen Kirchenchor:
Diese Leute waren freundlich. Hilfsbereit. Nett. Menschlich. Keine Horde kremlgesteuerter Monster, die morgens mit Wodka aufwachen und überlegen, welchen Deutschen sie heute fressen könnten. Ich habe dort etwas erlebt, das in der deutschen politischen Blase offenbar langsam als verdächtig gilt: Menschlichkeit.
Und dann ist da noch mein Vater. Vier Jahre Kriegsgefangenschaft mit 20. Vier Jahre in russischer Hand. Das war kein Wellnessurlaub am Baikalsee. Und trotzdem hat mein Vater später über seine russischen Wächter und über die Bauern aus der Umgebung, die ihm geholfen haben, ausschließlich Gutes erzählt. Diese Menschen haben ihm geholfen. Menschen, ohne deren Hilfe er nicht überlebt hätte. Das sitzt bei mir bis heute. Denn ich könnte sonst diese Zeilen nicht schreiben. Denn damit wird es plötzlich schwierig mit dem hübschen Schwarz-Weiß-Bild, das uns heute so gerne von Pinocsios in Berlin verkauft wird. Der Russe ist böse, der Deutsche ist gut, Amerika ist gut und wer Fragen stellt, ist irgendwie auch verdächtig. So funktioniert Politik für Leute, denen Denken zu anstrengend ist.
Ich kann das nicht mehr. Ich will wissen, was die Russen selbst sagen. Nicht was ein deutscher Regierungssprecher behauptet, dass sie sagen. Nicht was irgendein amerikanischer Thinktank behauptet, dass sie denken. Und auch nicht, was irgendein deutscher Talkshowexperte glaubt, nachdem er drei Stunden auf einem beheizten Stuhl gesessen hat.
Ich will die Originale. Russische Zeitungen, russische Interviews, russische Kommentare, russische Stimmen. Und daneben amerikanische, britische und deutsche Quellen. Dann kann ich mir meinen eigenen Reim darauf machen. Denn wenn Washington erzählt, höre ich Washington zu. Wenn Moskau erzählt, höre ich Moskau zu. Und wenn Berlin erzählt, höre ich Berlin zu. Danach mache ich die Tür zu und denke selbst. Das ist offenbar inzwischen fast schon eine revolutionäre Tätigkeit.
Leider wurden die Sender RTdeutsch abgeschaltet
Ich glaube inzwischen keiner Regierung mehr. Nicht Washington, nicht Moskau und schon gar nicht Berlin. Merkel hat Vertrauen verspielt, Scholz hat es weiter zerstört und der unbeliebteste Kanzler aller Zeiten hat meiner persönlichen Bilanz noch den letzten Sargnagel spendiert. Viel Moral, viel Pathos, viel Pressekonferenz und irgendwo hinten in der Küche liegt die Wahrheit unter einem Stapel leerer Bierkästen. Also hole ich sie mir selbst. Mit einem Wörterbuch, mit einem Übersetzer, mit meinem Auto und irgendwann hoffentlich mit genug Russisch, um einem Menschen gegenüber am Tisch sagen zu können: „Ich komme aus Deutschland. Ich war schon einmal hier. Ich möchte euch verstehen.“
Ich habe zwar Übersetzer. Technisch gesehen brauche ich also kein Russisch. Aber ich will mehr als eine technische Übersetzung. Ich möchte irgendwann in Russland mit einem Menschen an einem Tisch sitzen, ein Bier vor mir haben und wenigstens ein paar Brocken Russisch sprechen können. Nicht perfekt. Ich werde vermutlich niemals Dostojewski im Original diskutieren können. Vielleicht schaffe ich irgendwann einen vernünftigen Satz, ohne dabei auszusehen, als würde ich einen Traktor rückwärts einparken. Das reicht mir. Denn zwischen zwei Menschen liegt manchmal mehr Wahrheit in einem schlecht ausgesprochenen Satz als in zehn perfekt übersetzten Pressemitteilungen.
Und wenn die alten Touristenvisa mit längeren Aufenthaltsmöglichkeiten von 180 Tagen irgendwann wieder verfügbar sein sollten, möchte ich wieder für längere Zeit nach Russland fahren. Nicht für drei Tage Moskau mit Reisegruppe und Souvenirshop. Ich will fahren. Ich will bleiben. Ich will Menschen kennenlernen, Dörfer sehen, Städte, Straßen, Tankstellen und Kneipen. Vor allem aber will ich zuhören. Denn ich habe inzwischen genug von Leuten, die mir erklären, was ich über Russland zu denken habe, obwohl sie wahrscheinlich noch nie mit einem russischen Bauern am Straßenrand einen Kaffee getrunken haben.
Vielleicht lerne ich Russisch am Ende auch deshalb, weil ich meinem Vater noch eine Frage schuldig bin. Eine Frage, die ich ihm früher hätte stellen sollen: Was hast du wirklich erlebt? Nicht, was später in den Geschichtsbüchern stand. Nicht, was Politiker daraus gemacht haben. Nicht, was Sieger und Verlierer daraus gemacht haben. Sondern du. Vier Jahre Gefangenschaft, und trotzdem hast du mir nicht von irgendwelchen Ungeheuern erzählt. Du hast mir von Menschen erzählt. Von deinen Wächtern die ihre letzte Zigarette mit Dir geteilt haben. Von Bauern aus der Umgebung die Euch Kartoffeln gebracht haben. Von Russen, die dir geholfen haben. Von Menschen, ohne deren Hilfe du nicht nach Hause gekommen wärst.
Das kann ich nicht einfach wegdiskutieren. Und ich will es auch nicht. Denn vielleicht besteht genau darin der Unterschied zwischen Erinnerung und Propaganda: Die Propaganda braucht Feinde. Die Erinnerung kennt Gesichter. Mein Vater kannte diese Gesichter. Ich kenne sie inzwischen auch ein bisschen. Ich habe sie letztes Jahr auf meiner Fahrt durch Russland gesehen, 4.500 Kilometer, nicht auf einer Landkarte, sondern auf der Straße. Menschen, deren Namen ich längst wieder vergessen habe, aber nicht vergessen habe, wie sie mit mir umgegangen sind. Freundlich, hilfsbereit, menschlich. Deshalb werde ich mich nicht mehr damit zufriedengeben, mir erzählen zu lassen, wer diese Menschen angeblich sind.
Ich will ihre Sprache lernen. Vielleicht langsam, vielleicht mit Fehlern, vielleicht mit einem Wörterbuch auf dem Tisch und einem Übersetzer in der Tasche. Aber ich lerne sie. Denn ich möchte irgendwann wieder dort sitzen, in einer russischen Kneipe, vielleicht irgendwo, wo kein Mensch meinen Namen kennt und niemanden interessiert, was irgendein deutscher Kanzler gerade über Russland gesagt hat. Dann steht ein Glas auf dem Tisch, jemand sitzt mir gegenüber und ich möchte nicht mehr auf mein Handy starren müssen, um zu verstehen, was dieser Mensch sagt. Ich möchte ihm in die Augen sehen. Ich möchte seine Worte selbst verstehen. Und wenn mein Russisch noch holpert, dann soll es eben holpern. Vielleicht lachen sie über meine Aussprache. Dann sollen sie lachen. Ich werde zurücklachen. Und vielleicht trinken wir danach einen zusammen.
Denn genau dort, an einem Tisch mit einem Menschen, beginnt für mich Russland. Nicht im Kreml, nicht im Bundestag und nicht im Weißen Haus, sondern bei einem Menschen, der mir gegenübersitzt. Ich will Russland nicht retten. Ich will Deutschland nicht retten. Ich will Amerika nicht verteufeln. Ich will verstehen. Und wenn mir heute jemand erzählen will, dass ich diese Menschen nur durch das Fernglas seiner Politik betrachten darf, dann kann er sich sein Fernglas sonst wohin stecken. Ich habe meine eigenen Augen. Ich habe meine eigenen Erfahrungen. Und ich habe die Geschichte meines Vaters. Das reicht mir.
Denn mein Vater hat mir etwas hinterlassen, das größer ist als irgendeine politische Meinung: die Erinnerung daran, dass selbst in einem Land, das einem Menschen feindlich gegenübersteht, Menschen leben können, die einem das Leben retten. Vielleicht ist genau das sein letztes Geschenk an mich. Dass ich gelernt habe, zwischen einem Staat und den Menschen zu unterscheiden, die in ihm leben. Dass ich gelernt habe, nicht jeden Menschen zum Feind zu machen, nur weil seine Regierung eine andere Politik verfolgt. Und vielleicht ist genau deshalb Russisch die Sprache, die ich jetzt lernen will.
Ich weiß nicht, wie weit ich damit komme. Vielleicht reichen meine Russischkenntnisse irgendwann für ein richtiges Gespräch. Vielleicht nur für einen Wodka und ein paar verdammt schlecht ausgesprochene Sätze. Aber das ist in Ordnung. Denn wenn ich irgendwann wieder irgendwo in Russland an einem Tisch sitze und mir ein alter Mann gegenübersitzt, möchte ich nicht zuerst mein Handy zücken. Ich möchte ihm zuhören. Vielleicht verstehe ich nur fünf Wörter. Vielleicht zehn. Aber diese zehn Wörter gehören dann mir. Nicht Berlin. Nicht Washington. Nicht Moskau. Mir.
Mein Vater hat vier Jahre in russischer Gefangenschaft verbracht. Und trotzdem hat er mir nie beigebracht, Russen zu hassen. Er hat mir beigebracht, mich daran zu erinnern, dass Menschen Menschen bleiben. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die ich von ihm bekommen habe. Und vielleicht fahre ich deshalb irgendwann wieder nach Russland. Mit meinem Auto, mit meinem Wörterbuch, mit meinen paar Brocken Russisch und mit der Geschichte meines Vaters im Gepäck.
Dann sitze ich dort vielleicht irgendwann einem Russen gegenüber, sage meinen ersten vernünftigen Satz auf Russisch und denke einfach nur: „Vater, ich glaube, jetzt verstehe ich langsam, was du mir damals sagen wolltest.“

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