22.09.2026

Wo Schmidt draufsteht – bis ans Ende der Welt - Cape Schmidt

Der Alte hat manchmal einen an der Waffel. Das wusste ich ziemlich schnell. Andere Menschen fahren im Sommer nach Italien, stellen ihr Wohnmobil auf einen Campingplatz, fünf Meter vom Nachbarn entfernt, und erzählen sich abends bei einem Bier, wie schön doch die Freiheit ist. Der Alte fährt lieber dahin, wo drei Tage lang kein Mensch vorbeikommt.

Und jetzt hat er wieder so eine Idee. Er will nach Mys Schmidta (МЫС ШМИДТА), nach Kap Schmidt, ganz oben im äußersten Nordosten Russlands, an der Tschuktschensee.

Ich weiß nicht genau, warum. Aber ich kenne den Alten inzwischen lange genug. Wenn er irgendwo auf einer Landkarte einen Punkt findet, der weit genug weg ist, wird daraus irgendwann ein Ziel. Und wenn dieser Punkt dann auch noch seinen eigenen Namen trägt, ist die Sache praktisch erledigt.

Der Mann heißt Schmidt. Das Kap heißt Schmidt. Also muss er irgendwann dahin. Logisch.


Bild ist KI generiert. Natürlich waren wir noch nicht dort. 
Mys Schmidta liegt in Tschukotka, ungefähr 650 Kilometer nördlich von Anadyr. Viel weiter draußen wird Russland langsam dünn. Die Menschen werden weniger, die Straßen schlechter und die Entfernungen größer. Irgendwann besteht die Landschaft hauptsächlich noch aus Tundra, Meer, Wind und einer Menge Nichts. 

Genau das gefällt dem Alten.

Mys Schmidta wurde 1931 gegründet und war während der Sowjetzeit ein wichtiger Außenposten in dieser abgelegenen Region. Es gab Bergbau, Versorgungseinrichtungen, einen Hafen und vor allem einen Flugplatz. Die Sowjets bauten dort eine rund 2.450 Meter lange Betonpiste, weil dieser gottverlassene Flecken Erde im Kalten Krieg plötzlich strategische Bedeutung bekam.

Denn von hier oben war Nordamerika verdammt nah. Die Arktis war damals keine romantische Landschaft mit Eisbären und schönen Sonnenunter-gängen. Sie war eine militärische Einflugschneise. Die Sowjetunion baute im hohen Norden Flugplätze, Radar-stationen, Wetterstationen und Versorgungs-punkte. Langstrecken-bomber konnten hier landen, auftanken und weiterfliegen.

Eine dieser Maschinen war die Tu-4, der sowjetische Nachbau der amerikanischen B-29. Die spätere Tu-4A konnte Atomwaffen tragen. Das war die Zeit, in der Menschen tatsächlich darüber nachdachten, wie man einen Atomkrieg technisch möglichst effizient organisieren konnte. Eine ziemlich kranke Zeit. Aber genau solche Orte erzählen davon. Und dann kam das Ende der Sowjetunion.

Der Bergbau verlor an Bedeutung, das Militär zog sich zurück und mit ihm verschwanden große Teile der Infrastruktur und der Bevölkerung. Aus einem wichtigen sowjetischen Außenposten wurde wieder ein winziger Ort am Rand der Welt. Die große Betonpiste blieb zurück.

Ich mag solche Orte. Der Alte natürlich auch. Er hat diese merkwürdige Schwäche für Dinge, die einmal groß und wichtig waren und heute irgendwo in der Landschaft herumstehen und langsam vor sich hin rosten. Deshalb wird er in wenigen Jahren auch zu der CDU Parteizentrale fahren wollen, die dann ein Kost Place ist.

Was mich an Kap Schmidt aber wirklich interessiert, ist nicht die alte Betonpiste und auch nicht die sowjetische Militärgeschichte. Es ist dieser Name. - Schmidt -

Der Alte hat in seinem Leben ziemlich viel gemacht. Vierzig Jahre Vertrieb, Jahrzehnte Führung, Interim Management, Unternehmen aufgebaut, Unternehmen wieder auf die Beine gestellt, andere gegen die Wand fahren sehen und irgendwann beschlossen, dass man nicht ewig auf der Karriereleiter herumklettern kann, wenn unten das Leben davonläuft. Heute hat er andere Prioritäten.

Zeit ist seine neue Währung. Und deshalb glaube ich, dass Kap Schmidt für ihn mehr ist als irgendein Punkt in Tschukotka. Vielleicht geht es gar nicht darum, dort anzukommen. Wahrscheinlich werden wir wie ankommen, denn es bedarf auch einiger Sondergenehmigungen. Warum kommt gleich noch. 

Vielleicht geht es darum, einmal eine verdammt lange Strecke zu fahren, nur um am Ende an einem Schild zu stehen, auf dem sein eigener Name steht. Das Leben ist manchmal ziemlich einfach. Man muss nur weit genug fahren, bis man es merkt. Ich kenne diese Krankheit. Sie beginnt mit einer Landkarte. Dann kommt die Frage: „Wie weit ist das eigentlich?“ Danach wird gerechnet. Kilometer. Diesel. Zeit. Genehmigungen. Und irgendwann steht der Alte vor dem MAN G90 und sagt:

„Castor, das müsste gehen.“ Das ist der Moment, an dem ich aufmerksam werde. Denn „das müsste gehen“ bedeutet bei ihm meistens, dass es wahrscheinlich nicht ganz einfach wird. Aber genau deshalb fahren wir ja. Nicht weil es einfach ist. Wenn es einfach wäre, könnte man auch zu Hause bleiben.



Tschukotka ist allerdings eine andere Nummer als Marokko oder Lappland. Dort draußen gibt es keine Infrastruktur, keine Tankstelle alle hundert Kilometer und keinen Abschleppdienst, der mal eben vorbeikommt, wenn man sich festgefahren hat. Viele Verbindungen sind saisonale Pisten oder Winterstraßen, und die Bedingungen können sich mit Wetter und Jahreszeit komplett verändern.

Für ausländische Reisende kommen außerdem besondere Genehmigungen und Zugangsbeschränkungen hinzu. Das bedeutet: Wenn wir wirklich irgendwann nach Kap Schmidt fahren, wird das keine spontane Sonntagsausfahrt.

Aber der Punkt bleibt. Und Punkte auf Karten haben beim Alten die unangenehme Eigenschaft, nicht wieder zu verschwinden. 

Vielleicht stehen wir eines Tages tatsächlich dort. Der Alte mit seiner Kamera. Ich daneben. Vor uns die Tundra und die Tschuktschensee, hinter uns eine alte sowjetische Betonpiste, die wahrscheinlich schon mehr Geschichte gesehen hat als die meisten Menschen, die heute darüber laufen. Kein Campingplatz. Keine Reisegruppe. Kein Influencer, der uns erklärt, wie unglaublich authentisch das alles ist. Nur Wind. Kälte. Meer.

Und zwei ziemlich bekloppte Reisende. Ein Mensch. Ein Hund. Vielleicht wird der Alte dann eine Weile einfach nur dastehen und schweigen. Das macht er manchmal, wenn ein Moment größer ist als das Gerede darüber. Vielleicht sagt er dann irgendwann: „Castor, wir haben es geschafft.“ Und ich werde ihn anschauen und denken:

Die Statue ist der alte Otto Juljewitsch Schmidt
Nein, Alter. Du hast es geschafft. Ich bin nur mitgefahren. Aber wir beide werden wissen, dass das nicht stimmt. Denn manche Wege gehören keinem allein. Manche Orte erreicht man nur, weil zwei Wesen beschlossen haben, gemeinsam loszufahren. 

 

Und wenn irgendwann jemand fragt, warum wir ausgerechnet bis nach Kap Schmidt gefahren sind, werde ich die einzig vernünftige Antwort geben: Weil Schmidt draufstand. 

Interessant ist nebenbei bemerkt auch die Vita des Entdeckers Otto Juljewitsch Schmidt sein Werdegang und sein Abgang :-(

Keine Kommentare: