20.09.2026

„Fünf Sterne oder sieben Tonnen? Mein Sohn versteht meinen Weg nicht“

Ich war schon immer einer, der losfährt. Lange bevor ich im MAN saß und irgendwo in der Wüste im Dreck lag, gab es diese Reisen. Riskant, manchmal ziemlich dumm, oft weit weg von dem, was andere noch als normalen Urlaub bezeichnet hätten. Nur waren sie immer zeitlich begrenzt. Ein paar Wochen raus, manchmal länger, dann wieder zurück. Mit Luxus SUV - zurück ins Business, zurück zu Verpflichtungen, zurück in dieses Leben, das man sich über Jahrzehnte aufbaut und irgendwann für selbstverständlich hält.

Ich habe nie davon geträumt, fünf Sterne zu buchen. Mich hat immer mehr interessiert, was hinter der nächsten Kurve liegt. Aber irgendwann kam der Moment, an dem aus dem Wegfahren ein Aufbrechen wurde.

Meine Frau starb. Mit 66, nach mehr als 55 Jahren, die wir uns kannten, war sie plötzlich nicht mehr da. Das war der letzte Impuls, den ich offenbar gebraucht hatte, um etwas zu tun, das ich schon lange vor mir hergeschoben hatte. Nicht mit dem Reisen aufzuhören. Im Gegenteil. Endlich länger zu fahren. Bis dahin hatte ich mir meine Reisen immer zwischen das Leben geschoben. Ein paar Wochen raus, dann wieder zurück ins Business. Wieder Termine, Verantwortung, Entscheidungen und der ganze Rest. Ich hatte mein Leben lange genug nach dem nächsten Projekt organisiert. Plötzlich fragte ich mich, warum eigentlich. Warum noch zehn Jahre warten? Warum noch ein Geschäftsjahr? Warum sollte ich mein Leben weiterhin nach Terminen organisieren, wenn ich längst wusste, dass ich eigentlich etwas anderes wollte?

Mein Sohn fragte irgendwann: 

„Du willst dein Business wirklich aufgeben?“

„Ja.“

„Und dann?“

„Dann fahre ich.“

„Wohin?“

„Weiß ich noch nicht.“

Er sah mich an, als hätte ich gerade beschlossen, meinen Verstand zusammen mit dem alten Schreibtisch zu entsorgen.

Für mich war es dagegen erstaunlich einfach. Ich wollte nicht mehr nur für ein paar Wochen verschwinden. Ich wollte länger unterwegs sein. Nicht mehr ständig zurückmüssen. Nicht mehr zwischen Reisen und Business unterscheiden. Ich wollte herausfinden, wie es sich anfühlt, wenn das Reisen selbst zum Leben wird. Also habe ich mein Business aufgegeben.

Nicht weil ich plötzlich keine Lust mehr auf Arbeit hatte. Nicht weil ich vor irgendetwas davonlaufen musste. Sondern weil ich irgendwann begriffen hatte, dass „später“ ein ziemlich beschissener Termin ist, wenn man nicht weiß, ob man ihn überhaupt erlebt.

Danach kam der D-Max.

Kein Luxusmobil. Ein Isuzu D-Max mit Geocamper-Kabine, genug Platz zum Schlafen und genug Technik, um sich unterwegs nicht bei jedem Problem in die Hose zu machen. Der Wagen war Werkzeug, nicht Statussymbol. Und er brachte mich zunächst genau dorthin, wo ich hinwollte: raus.

Aus ein paar Wochen wurden Monate. Aus einer Reise wurde ein Leben, das immer weniger mit Urlaub zu tun hatte. Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Georgien, Russland, Armenien, Griechenland, Albanien, Montenegro, Bosnien, Slowenien, Kroatien, Frankreich, Deutschland, Benelux, Dänemark, Schweden, Norwegen, Italien, Monaco, Spanien, Marokko, Westsahara und schließlich Mauritanien. Zehntausende Kilometer. Pisten, Fähren, Grenzübergänge, Tankstellen, improvisierte Reparaturen und Nächte irgendwo draußen, wo kein Mensch auf die Idee gekommen wäre, einen Campingplatz hinzubauen.

Mein Sohn konnte damit wenig anfangen.

„Aber was suchst du eigentlich?“

„Nichts.“

„Das sagst du immer.“

„Vielleicht suche ich deshalb nichts.“

Er fand diese Antwort nicht besonders hilfreich. Für ihn braucht eine Reise ein Ziel. Man fährt irgendwohin, schaut sich etwas an, macht Fotos, isst gut, schläft gut und fährt wieder nach Hause. Ich wollte irgendwann nicht mehr unbedingt irgendwo ankommen. Mich interessierte das Dazwischen. Die Straße. Die Landschaft. Die Menschen. Und vor allem die Frage, wie wenig man eigentlich braucht, wenn niemand einem ständig erzählt, was man angeblich braucht.

Russland war eine dieser Erfahrungen. Viereinhalbtausend Kilometer durch ein Land, das für viele Menschen inzwischen nur noch aus Nachrichtenbildern besteht. Ich traf Zivilisten, Soldaten, Polizisten und Grenzer. Freundliche Menschen, neugierige Menschen, manchmal misstrauische Menschen. Wir hatten nicht immer eine gemeinsame Sprache, aber erstaunlich oft trotzdem eine Möglichkeit, miteinander klarzukommen.

Mein Sohn fragte später: „Hattest du nie Angst?“

Natürlich hatte ich Angst. Wer behauptet, er hätte auf solchen Reisen niemals Angst, erzählt wahrscheinlich gerade die nächste Geschichte. Aber Angst ist nicht automatisch ein Grund umzudrehen. Manchmal ist sie nur ein Hinweis darauf, dass man gerade etwas tut, bei dem man nicht alle Variablen kontrollieren kann. Ich wollte irgendwann nicht mehr alles kontrollieren.

Dann kam Afrika. Marokko, Westsahara, Mauretanien. Dort wird das Reisen ziemlich schnell von der Hochglanzbroschüre befreit. Sieben Stunden Grenze. Hitze. Staub. Sand in jeder Ritze. Der Diesel stinkt heiß aus dem Motorraum. Irgendwo unter dem Wagen verschwindet eine Schraube im Dreck und natürlich genau die, die man jetzt dringend braucht. Du liegst unter dem Auto, der Schweiß läuft dir den Rücken hinunter und der Sand klebt überall.

„Und dafür fährst du extra so weit?“, fragte mein Sohn.

„Ja.“

„Du könntest auch in den Schwarzwald.“

„Könnte ich.“

„Mit vernünftigen Straßen.“

„Das stimmt.“

Damit war das Thema für ihn nicht erledigt, aber für mich schon. Vier Tage Erzbahn. Rund 455 Kilometer. Reifen auf etwa 1,2 bar. Weicher Sand, Hitze, Staub und eine Landschaft, die irgendwann so groß wird, dass der Mensch darin ziemlich klein aussieht. Der Sand knirscht zwischen den Zähnen. Abends bist du dreckig, müde und riechst nach Diesel, Schweiß und dem Zeug, das sich im Laufe eines Tages unter einem Fahrzeug ansammelt.

Und du bist zufrieden. Nicht glücklich im Wellness-Hotel-Sinne. Eher auf diese primitive Art, bei der der Körper müde ist und der Kopf endlich die Klappe hält.

Chinguetti, Ouadane, Richat, Kiffa, die Krokodile von Bougari, Nouakchott. Immer weiter. Immer neue Landschaften, neue Menschen, neue Probleme. Ich suchte keinen Komfort. Ich suchte Abstand. Abstand von dem Lärm, den man irgendwann mit Leben verwechselt. Und irgendwann reichte der D-Max nicht mehr.

Dann kam der MAN. Ein G90 FAE 8.136, Baujahr 1988, ehemalige Armee, sieben Tonnen, drei Differenzialsperren, Untersetzung, Winden und ein alter Zeppelin-Shelter. Kein Fahrzeug, das man kauft, weil man damit Eindruck bei der Nachbarschaft machen möchte. Eher eines, bei dem die Nachbarn anfangen zu überlegen, ob man noch alle Tassen im Schrank hat.

Mein Sohn stand davor und sagte: „Das ist jetzt aber nicht dein Ernst.“

„Doch.“

„Warum?“

„Weil ich damit weiterkomme.“

„Mit einem fast vierzig Jahre alten Lkw?“

„Genau.“

Er schüttelte den Kopf. Ich konnte ihn verstehen. Der MAN ist laut, schwer und durstig. Er ist nicht schnell und schon gar nicht elegant. Er hat seine eigenen Geräusche und meistens mindestens eines, das ich noch nicht kenne. Wenn irgendwo etwas kaputtgeht, gibt es keine Werkstatt mit Lounge, Cappuccino und WLAN. Dann liegst du selbst im Dreck. Aber genau das gefällt mir. Der MAN ist kein Hotel auf Rädern. Er ist ein Stück Unabhängigkeit.

Wenn ich irgendwo weit draußen stehe, zehn Kilometer oder mehr von der nächsten Siedlung entfernt, und nachts kein künstliches Licht zu sehen ist, brauche ich keinen Stellplatz mit Animation. Ich brauche Platz. Morgens geht die Tür auf, Castor springt heraus und wälzt sich erst einmal im Sand, bis er aussieht wie ein paniertes Schnitzel. Dann gibt es Kaffee. Vielleicht Brot. Der Motor knackt noch von der Nacht und irgendwo pfeift der Wind durch den Aufbau.

Das ist Luxus. Zumindest meiner. Castor hat das schneller verstanden als mein Sohn. Der Hund braucht keinen Wellnessbereich. Er braucht Sand, Gerüche und Platz. Je größer die Wüste, desto glücklicher dieser verdammte Hund.

„Willst du eigentlich irgendwann wieder nach Hause?“, fragt mein Sohn manchmal.

„Vielleicht.“

„Was heißt vielleicht?“

„Dass ich es nicht weiß.“

Früher hätte mich so eine Antwort nervös gemacht. Heute nicht mehr. Vielleicht ist Zuhause irgendwann gar kein bestimmter Ort mehr. Vielleicht ist Zuhause der Platz, an dem du morgens die Tür öffnest und niemand dir sagt, was du heute zu tun hast. Mein Sohn würde wahrscheinlich immer noch das Fünf-Sterne-Hotel nehmen. Ich kann das sogar verstehen. Warmes Wasser, weiches Bett, Frühstück, keine Reparaturen und morgens weiß man ziemlich genau, was einen erwartet. Danach vielleicht eine schöne Runde durch den Schwarzwald.

Soll er machen. Ich nehme den MAN.

Nicht weil es vernünftig ist. Wahrscheinlich ist es das Gegenteil. Nicht weil das Reisen im Dreck romantisch wäre. Ist es nicht. Der Diesel stinkt. Der Schweiß stinkt. Der Hund stinkt. Irgendetwas klappert immer und wenn einmal nichts klappert, sollte man sich ernsthaft Sorgen machen.

Aber morgens bin ich noch da. Und ich bin unterwegs. Das reicht mir. Vielleicht ist das überhaupt die ganze Geschichte. Man wartet jahrelang auf den richtigen Zeitpunkt. Auf weniger Arbeit. Mehr Geld. Bessere Umstände. Irgendwann merkt man, dass dieser perfekte Zeitpunkt ungefähr so real ist wie ein sauberer MAN nach drei Wochen Wüste.

Also fährt man. Ich habe mein altes Leben nicht weggeworfen. Ich habe nur aufgehört, es für das einzig mögliche zu halten. Meine Frau war mehr als 55 Jahre Teil dieses Lebens. Danach musste ich entscheiden, was mit dem Rest passiert. Ich habe mich für die Straße entschieden. Für Castor. Für den MAN. Für Diesel im Tank und Dreck unter den Fingernägeln. Und für die verdammt einfache Freiheit, morgens nicht zu wissen, wo ich abends sein werde.

Der Motor springt an. Castor schaut mich an. Ich lege den Gang ein. Und fahre. Nicht weil ich muss. Sondern weil ich noch verdammt viel Straße vor mir habe.



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