Als der Alte mich aus der Tötungsstation geholt hat, war ich vier Monate alt. Vier Monate hatte ich hinter mir, bevor dieser ganze Wahnsinn überhaupt angefangen hat. Und seit genau 20 Monaten bin ich jetzt mit dem Alten unterwegs.
Zwanzig Monate Straße. Zwanzig Monate Auto. Zwanzig Monate fremde Gerüche, neue Menschen, neue Landschaften und immer wieder dieser eine Satz vom Alten: „Castor, wir fahren weiter.“ Also fuhren wir weiter.
Inzwischen sind es 28 Länder und über 80.000 Kilometer. Ich habe mehr Grenzen gesehen als manche Menschen in ihrem ganzen Leben und mehr schlechte Straßen gerochen als der Alte gute Entscheidungen getroffen hat.
Wir waren in Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Türkei, Georgien, Russland, Armenien, Griechenland, Albanien, Montenegro, Bosnien, Slowenien, Kroatien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Dänemark, Schweden, Norwegen, Italien, Monaco, Spanien, Marokko, der Westsahara und Mauretanien.
Der Alte nennt das eine Reise. Ich nenne es mein verdammtes Leben. Angefangen hat alles mit dem Isuzu. Da wusste ich noch nicht, was auf mich zukommt. Ich dachte, ein Auto ist ein großer Kasten, in dem man schlafen kann, wenn der Mensch beschlossen hat, dass ein Hotel zu langweilig ist. Dann kamen Russland, Georgien und Armenien.
Schnee. Berge. Schlamm. Pisten. Grenzen. Menschen. Sehr viele Menschen. Und irgendwann hatte ich begriffen, dass mein Leben nicht aus Hundewiese, Leine und einem hübschen Körbchen bestehen würde. Ich bekam stattdessen Sand unter die Pfoten. Sehr viel Sand.
Mauretanien. Da fühlte ich mich zum ersten Mal wirklich zu Hause. Die Wüste hat eine andere Sprache. Sie redet nicht. Sie stinkt nicht nach Abgasen. Sie braucht keine Schilder. Sie liegt einfach da und wartet darauf, dass irgendwelche verrückten Menschen durch sie hindurchfahren.
Wir sind durch die Westsahara und Mauretanien gefahren. Über Pisten, durch weichen Sand, an der Erzbahn entlang, durch Landschaften, in denen seit Stunden und manchmal Tagen kein Mensch zu sehen war.
Und dort draußen habe ich Dinge gesehen, die der Alte nur aus Büchern kannte. Paviane. Skorpione. Hyänen. Kugelfische. Giftschlangen. Und große Krokodile. Drei Meter. Vielleicht dreieinhalb. Der Alte hat sie gesehen. Ich habe sie gerochen. Das ist ein Unterschied. Menschen glauben immer, sie würden die Welt sehen. Hunde wissen, dass man sie auch riechen kann.
Ich habe dort draußen Gerüche in der Nase gehabt, die älter waren als jedes verdammte Auto, jeder Grenzposten und jeder Mensch, der uns erzählen wollte, wo wir nicht fahren dürfen. Millionen Jahre Geschichte. Fossilien. Alte Flussläufe. Felsen, die schon dort lagen, bevor irgendein Mensch auf die glorreiche Idee kam, einen Parkplatz zu asphaltieren.
Ich stand da und habe gerochen. Die Wüste. Die Tiere. Den Staub. Das Wasser. Den Tod. Das Leben. Und irgendwo daneben stand der Alte und machte wahrscheinlich ein Foto. Menschen müssen immer ein Foto machen. Ich habe meine Nase. Das reicht. Dann kam der MAN. Ein ehemaliger Militär-Lkw. MAN G90. 7,5 Tonnen. Drei Differenzialsperren. Geländegang. Winden. Und hinten mein Platz.
Der Alte war sofort verliebt. Natürlich war er das. Er redete von Robustheit und Unabhängigkeit und davon, dass das unbedingt nötig ist, weil der Hund mehr Platz braucht.
Ich dachte nur: Hoffentlich ist das Bett größer. Jetzt leben wir darin. Der Alte vorne, ich irgendwo nebendran.
In diesen 20 Monaten unterwegs habe ich gelernt, dass die besten Plätze nicht dort liegen, wo zehn Wohnmobile stehen und jemand mit einer Markise über die Qualität des Sonnenuntergangs diskutiert.
Wir suchen Plätze, an denen niemand ist. Fünf Kilometer. Zehn Kilometer. Manchmal mehr von der nächsten Zivilisation entfernt.
Keine Häuser. Keine Straßenlaternen. Kein Campingplatz. Kein Mensch, der morgens mit einer Kaffeetasse vor seinem Wohnmobil steht, sich die Zähne in der Öffentlichkeit putzt und uns erklärt, dass er seit 7 Jahren Vanlifer ist. Wir brauchen das nicht. Wir brauchen Platz. Und manchmal ein Feuer. Und Essen. Vor allem Essen.
Ich habe gelernt, dass Menschen überall verschieden aussehen, aber meistens dasselbe wollen: in Ruhe leben, etwas essen, lachen, ihre Kinder großziehen und nicht von irgendwelchen Idioten herum kommandiert werden. Ich habe Menschen getroffen, die fast nichts hatten und trotzdem etwas abgegeben haben. Brot. Wasser. Tee. Ein Stück Lamm. Ich habe Menschen getroffen, die viel hatten und trotzdem aussahen, als hätten sie gerade ihre eigene Seele verkauft. Ich weiß, welche Sorte mir besser gefällt.
Dann war da immer wieder der Alte. Er ist nicht perfekt. Weit davon entfernt. Manchmal fährt er in eine Richtung und ich weiß schon nach zehn Minuten, dass das keine gute Richtung ist.
Ich sage nichts. Ich sitze nebenan und warte. Er merkt es irgendwann selbst. Meistens. Und dann drehen wir um. So funktioniert Partnerschaft. Nicht mit großen Worten. Mit 80.000 Kilometern. Mit kaputten Sachen. Mit Sand in den Ohren. Mit schmutzigen Pfoten. Mit Nächten irgendwo draußen, wo nur der Wind weiß, wo wir sind.
Ich war vier Monate alt, als er mich aus der Tötungsstation holte. Ich wusste damals nicht, was ein Zuhause ist. Heute weiß ich es. Ein Zuhause ist offenbar kein Haus. Kein Garten. Keine Hundedecke.
Ein Zuhause kann ein Auto das irgendwo in der Wüste steht. Ein Mensch, der morgens flucht, weil irgendetwas nicht funktioniert. Ein Mensch, der abends neben einem sitzt und schweigt. Ein Mensch, der irgendwann einfach sagt: „Komm, Castor. Wir fahren.“
Und dann fahren wir. Von Europa bis Russland, vom Kaukasus bis Afrika. Von Schnee bis Wüste. Von der Straße bis dorthin, wo keine mehr ist. Und jetzt bin ich zwei.
Mein Geburtstagskuchen steht schon vor mir. Würste. Ein ganzer verdammter Berg davon. Andere Hunde bekommen vielleicht Sahnetorte. Ich bekomme Fleisch. So muss das sein. Der Alte kann sich seine Kerzen sonst wohin stecken.
28 Länder. 80.000 Kilometer. Und irgendwo zwischen Russland und Mauretanien habe ich aufgehört, sein Hund zu sein. Ich bin sein Reisegefährte geworden. Sein Navigator. Seine Alarmanlage. Sein schlechtes Gewissen, wenn er mal wieder zu lange gefahren ist. Und wahrscheinlich der einzige von uns beiden, der wirklich weiß, was Freiheit bedeutet.
Der Alte schaut gerade wieder auf eine Karte. Ich kenne diesen Blick. Das bedeutet, dass es noch nicht vorbei ist. Gut so. Ich habe erst zwei Jahre. Die Welt ist groß. Und sie riecht verdammt interessant.
Castor 🐾
Zwei Jahre alt. Zwanzig Monate unterwegs. 28 Länder. Über 80.000 Kilometer. Und noch lange nicht fertig.







_20260808_074644_0000.png)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen