In den letzten Tagen kam es in Südmauretanien, südlich von Kiffa, zu einer Situation, die uns nachhaltig geprägt hat. Nicht, weil sie spektakulär war, sondern weil sie gezeigt hat, wie schnell Wildnis ihre Regeln durchsetzt, wenn man sie übersieht.
Nahe eines Wasserplatzes, an dem wir Sahara Krokodile beobachtet hatten, traf eine Gruppe von Pavianen auf unseren Lagerplatz.
Was mit zwei Tieren in etwa fünfzig Metern Entfernung begann, entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einer Gruppe von annähernd hundert Guineapavianen, die uns in einem Halbkreis umzingelten und bis auf rund zwanzig Meter herankamen.
Es kam zu keiner direkten Attacke auf Menschen, aber zu einer klaren Jagdsequenz auf einen unserer Hunde – kein Spiel, sondern ein Test. Kurz darauf, nachdem wir gewichen sind, zogen die Tiere wieder ab. Dennoch entschieden wir uns, den Platz grossräumig zu wechseln.
Diese Begegnung war kein Zufall und kein Pech.
Sie war die logische Folge davon, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.
Warum Paviane ernst zu nehmen sind
Paviane werden oft unterschätzt. Sie wirken neugierig, manchmal fast verspielt. In Wirklichkeit sind sie:
- hochintelligent
- extrem sozial organisiert
- territorial
- körperlich stark
und in großen Gruppen koordiniert, ruhig und entschlossen.
Besonders kritisch sind Wasserstellen.
In trockenen Regionen sind sie kein neutraler Rastplatz, sondern ein zentraler Bestandteil des Reviers. Wer dort steht, steht nicht „in der Nähe“, sondern mitten im System.
Besonderheit: Guineapaviane südlich von Kiffa
Für große Gruppen von Guineapavianen in der felsigen Savannenlandschaft südlich von Kiffa gelten besondere Regeln.
Diese Tiere sind:
- kaum an Menschen gewöhnt
- nicht touristisch konditioniert
- territorial statt neugierig
- in großen Gruppen nicht fluchtbereit
Gerade im felsigen Gelände entstehen natürliche Engpässe. Wasserstellen, Durchgänge, Aufstiege – all das wird kontrolliert.
Große Gruppen reagieren dort nicht chaotisch, sondern strukturiert:
- Aufstellung im Bogen oder Halbkreis
- Annäherung in Etappen
- Tests durch Scheinangriffe oder Jagdsequenzen
Genau dieses Verhalten haben wir erlebt.
Unsere wichtigste Erkenntnis: Nicht vertreiben – ausweichen
Mit einer Gruppe dieser Größe gibt es keinen Machtkampf. Du kannst nur verlieren. Es gibt nur Deeskalation.
Was die Situation verschärft hat
- direkte Nähe zur Wasserstelle
- längerer Aufenthalt
- Hunde (für Paviane natürliche Rivalen)
Was sie entschärft hat
- ruhiges Verhalten
- keine Aggression
- ein bewusster, früher Platzwechsel
Wir verließen den Bereich und suchten einen neuen Standort, etwa fünf Kilometer entfernt.
Verhalten am nächsten Vormittag: Die Begegnung war nicht vorbei
Am folgenden Vormittag wurde uns klar, dass eine Pavian-Begegnung nicht endet, wenn die Tiere abziehen. Trotz des Platzwechsels tauchten die Paviane erneut auf. Nicht direkt bei uns, nicht aggressiv – sondern hoch oben in den Felsen.
Von dort aus beobachteten sie uns über lange Zeit mit Kläfflauten.
- Keine Annäherung.
- Keine Drohgebärden.
- Nur Präsenz und Kontrolle.
Dieses Verhalten war vielleicht die wichtigste Lektion überhaupt: Guineapaviane
- merken sich Orte
- merken sich Bewegungen
- merken sich Individuen
- und bewerten Begegnungen über Zeit
Sie prüfen, ob ein Raum wirklich frei geworden ist – oder nur kurz.
Gerade in der felsigen Savanne bieten erhöhte Positionen ideale Beobachtungspunkte. Von dort aus können sie Bewegungen über Kilometer hinweg verfolgen, ohne selbst sichtbar oder angreifbar zu sein.
Spätestens hier war klar:
Der Platzwechsel war richtig.
Und er war notwendig.
Konkrete Verhaltensregeln bei Pavian-Begegnungen
Abstand
50 m: Beobachtung
30–50 m: Grenztests
<20 m: akute Gefahr → Rückzug
👉 Niemals zwischen Paviane und Wasserstellen oder natürliche Korridore geraten.
Fahrzeuge
Schutzraum nutzen
Motor startbereit
Türen/Fenster geschlossen
Ruhig wegfahren, kein Beschleunigen, kein Dauerhupen
Hunde
Niemals frei laufen lassen
Möglichst im Fahrzeug
Kein Bellen, kein Vorsprinten
Verhalten
Nicht rennen
Nicht schreien
Keine Gegenstände werfen
Nicht füttern
Keine Nahfotografie
Fazit: Wildnis ist kein Moment, sondern ein Prozess
Wildnis funktioniert nicht in Augenblicken, sondern in Zusammenhängen.
Paviane reagieren nicht impulsiv.
Sie beobachten, bewerten und entscheiden später.
Wer in solchen Regionen reist, ist Gast.
Wer an Wasserstellen bleibt, steht im Zentrum fremder Ordnung.
Überleben hat dort nichts mit Mut oder Abenteuerlust zu tun, sondern mit Beobachtung, Respekt und dem rechtzeitigen Rückzug.



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