Während meines Trips durch die Westsahara stieß ich nördlich der Grenze auf einen Ort, der keine Fragen offenlässt. Kein Dorf. Kein Nomadenlager. Sondern ein militärisches Fort. Der Militärstützpunkt am Yagout Pass (oft auch Foum el Yagout genannt) ist ein strategisch hochsensibler Ort im Süden Marokkos. Er liegt in der Region Guelmim-Oued Noun, unmittelbar nördlich der international umstrittenen Grenze zur Westsahara.
Der Yagout Pass fungiert als natürliches „Tor“. Er ist einer der wenigen passierbaren Wege durch die zerklüftete Berglandschaft des Djebel Ouarkziz. Wer diesen Pass kontrolliert, kontrolliert die Bewegung zwischen dem marokkanischen Kernland und dem nördlichen Sektor der Westsahara (nahe der Stadt Mahbes).
Am Yagout-Pass steht es noch, aus der Erde selbst gewachsen, als hätte der Boden beschlossen, sich zu befestigen. (der Link entspricht nicht exact dem Ort. Wer die Koordinaten möchte, kontaktiert mich bitte)
Ein Fort aus Lehm
Die Anlage ist klar strukturiert: rechteckige Gebäude in geordneter Formation, ein umschlossenes Areal mit Tor, eine definierte Zufahrt. Daneben konische Lehmbauten, wie auf meinen Fotos zu sehen, sowie ein eingeebneter Bereich, der eindeutig als Hubschrauberlandeplatz diente.
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Alles ist aus Lehm errichtet. Keine Betonblöcke, kein Stahl. Nur gestampfte Erde, geformt zu Mauern, die Hitze abhalten und Wind trotzen.
Diese Materialwahl war pragmatisch. In abgelegenen Abschnitten der Verteidigungslinie wurden lokale Baustoffe genutzt. Lehm isoliert hervorragend gegen Hitze, ist schnell verfügbar und fügt sich unauffällig in die Umgebung ein. Militärarchitektur, die sich nicht aufdrängt, sondern tarnt.
Strategische Rolle im Westsahara-Konflikt
Das Fort entstand im Kontext des Westsahara-Konflikts der 1980er-Jahre. In dieser Phase errichtete Marokko entlang der Frontlinie den Moroccan Western Sahara Wall - eine mehrere tausend Kilometer lange Verteidigungsanlage mit zahlreichen Vorposten, Beobachtungsstationen massiv verlegten Landminen und logistischen Stützpunkten.
Der Yagout-Pass war einer dieser strategischen Punkte. Ein Engpass im Gelände, ideal zur Kontrolle von Bewegungen. Der Helikopterlandeplatz belegt die operative Einbindung in das militärische Netzwerk.
Und doch ist das Fort nicht vollständig Vergangenheit. Auf der Rückseite des Hügels, im ehemaligen Kommandobereich, befindet sich weiterhin ein aktiver militärischer Stützpunkt. Die alte Struktur und die heutige Nutzung existieren nebeneinander.
Vorsicht im Gelände
So eindrucksvoll der Ort ist, er bleibt militärisches Terrain in einer Region mit konfliktreicher Geschichte. Vom Verlassen der klar erkennbaren, befahrenen Wege ist dringend abzuraten.
Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob sich abseits der Trassen noch Minen oder Munitionsreste im Boden befinden. Die Wüste wirkt still, doch unter ihrer Oberfläche kann Geschichte scharfkantig bleiben.
Der Yagout-Pass vor dem Militär
Doch dieser Pass war nicht erst mit dem Militär bedeutsam. Lange bevor Funkgeräte und Rotorblätter den Himmel durchtrennten, war er Teil alter Karawanenrouten zwischen dem südlichen Marokko, Mauretanien und den Handelszentren der Sahara.
Hier zogen einst Kamelkarawanen mit Salz, Datteln, Textilien und später auch Tee. Die Wege waren keine Straßen, sondern Erinnerungen im Sand. Man folgte Brunnen, Sternbildern, Windmustern. Ein Pass bedeutete Schutz vor Umwegen, Orientierung im weiten Nichts.
Der Stamm der Yagout
Der Name Yagout verweist auf eine lokale Stammesgruppe, die in dieser Region lebte oder sie nutzte. In den südmarokkanischen Grenzgebieten waren Stammesverbände wie jene der Tekna-Konföderation über Jahrhunderte prägend für Handel, Schutz und territoriale Kontrolle.
Solche Stämme fungierten nicht nur als Nomaden, sondern auch als Vermittler zwischen Handelswelten. Sie kannten Wasserstellen, saisonale Weidegründe und sichere Routen. Der Pass war daher nicht nur geografisch relevant, sondern sozial und wirtschaftlich eingebettet.
Ein Engpass ist immer mehr als ein Hügel zwischen Ebenen. Er ist Entscheidungspunkt. Wer ihn kontrolliert, kontrolliert Bewegung.
Schichten eines Ortes
Am Yagout-Pass überlagern sich diese Ebenen: Karawanenroute. Stammesgebiet. Militärischer Vorposten. Aktiver Stützpunkt.
Die Lehmmauern stehen heute im Wind wie sedimentierte Geschichte. Rechteckige Unterkünfte, konische Hütten, das Tor, der alte Landeplatz.
Der Pass war Handelsader, dann Verteidigungslinie. Und vielleicht wird er eines Tages wieder nur Landschaft sein.
Im Moment aber ist er beides: Erinnerung und Gegenwart. Ein Ort, an dem die Wüste nicht nur schweigt, sondern erzählt.
Historischer Kontext: Der Westsahara-Konflikt
Die Geschichte des Stützpunkts ist untrennbar mit dem Krieg zwischen Marokko und der Front Polisario (1975–1991) verbunden:
* Bollwerk gegen Guerilla-Taktiken: In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren nutzte die Polisario die raue Topografie des Ouarkziz-Gebirges für Hinterhalte. Der Stützpunkt am Yagout Pass wurde massiv ausgebaut, um diese Infiltrationen zu stoppen.
* Der "Sandwall" (Berm): Der Pass wurde zu einem wichtigen Ankerpunkt innerhalb des marokkanischen Verteidigungssystems. Von hier aus wird die Logistik für die weiter südlich verlaufenden Verteidigungswälle koordiniert.
* Die Rolle der Stämme (قبيلة - Qabila): Dein Hinweis auf das Wort Qabila (Stamm) ist entscheidend. Die Region wird historisch von den Tekna dominiert, einem großen Stammesverband, der sowohl sesshaft als auch nomadisch lebte. Die Loyalität dieser Stämme war historisch ein Schlüsselfaktor für die Stabilität der Region. Marokko hat den Stützpunkt oft auch als Symbol der staatlichen Präsenz in einem Gebiet etabliert, das stark von Stammesstrukturen geprägt ist.
Heutige Bedeutung
Nach dem Ende des Waffenstillstands im Jahr 2020 hat die Bedeutung von Stützpunkten wie Yagout wieder zugenommen.
* Überwachung: Heute dient die Basis vor allem der elektronischen Überwachung und als Ausgangspunkt für Drohnenoperationen, um Bewegungen in der Pufferzone zu kontrollieren.
* Logistikzentrum: Er bleibt ein essenzieller Versorgungsposten für die Einheiten der FAR (Forces Armées Royales), die entlang des Walls stationiert sind.









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