Was sich nach 1000 Nächten draußen verändert

Gerade eben saß ich wieder einmal in unserer Dorfkneipe in der Steiermark. Die gleiche Theke wie seit 2 Jahren, die gleichen Gesichter, die gleichen Geschichten und die gleichen Sorgen. 

Irgendwann kam die Sprache auf meine nächste Reise, denn das ganze Dorf hatte schon den MAN vor der Tür gesehen. Vier oder fünf Monate sollen es wieder werden. Richtung Süden. Wieder richtung Mauretanien. Dieses Mal noch tiefer in abgelegene Regionen auch Richtung Mali. 

Weitab jeder Zivilisation in Mauretanien 


Einer der Nachbarn schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck Bier. „Das könnte ich nicht“, sagte er. Ein anderer fragte sofort, was denn sei, wenn etwas passiert. Wenn das Auto kaputtgeht. Wenn man krank wird. Wenn man irgendwo feststeckt. Ohne Werkstatt. Ohne ÖAMTC. Ohne irgendeinen Rettungsanker. Ich musste lächeln, weil ich die Fragen gut verstehen konnte. Vor fünfzehn Jahren hätte ich wahrscheinlich dieselben gestellt. Damals glaubte ich noch, die Welt sei ein gefährlicher Ort und Sicherheit etwas, das man besitzen könne wie ein Ersatzrad oder eine Versicherungspolice.

Heute, nach weit mehr als tausend Nächten irgendwo draußen zwischen Russland, Armenien, Georgien, der Westsahara und Mauretanien, sehe ich das anders.

Nicht weil die Welt sicherer geworden wäre. Sie ist genauso chaotisch wie immer. Aber weil ich gelernt habe, dass die meisten Gefahren nicht draußen lauern. Sie wohnen in unseren Köpfen. Dort bauen sie sich Häuser, ziehen Gardinen vor die Fenster und erzählen uns Geschichten darüber, was alles passieren könnte. Die Wahrheit ist, dass die allermeisten dieser Geschichten nie eintreffen.

Am Monolithen Ben Aicha, Mauretanien


Ich erinnere mich an eine Nacht in Mauretanien. Wir standen irgendwo zwischen Dünen, weit weg von allem, was man Infrastruktur nennen könnte. Kein Licht. Kein Mobilfunk. Keine Straße. Nur Sand. Der Wind kam nach Mitternacht. Erst leise, dann stärker. Schließlich trommelte der Sand gegen die Karosserie, als würde jemand Kieselsteine gegen die Türen werfen. Das Fahrzeug schwankte leicht in den Böen und draußen verschwand die Welt hinter einer Wand aus Staub. Früher hätte ich wachgelegen und mir ausgemalt, was alles schiefgehen könnte. Diesmal zog ich die Decke etwas höher und schlief weiter. Es war nur Wind. Wind macht Lärm. Unsere Gedanken machen Angst. Das ist ein Unterschied, den man erst nach vielen Nächten versteht.

Wolga bei Wolgograd, ehemals Stalingrad
Überhaupt sind es die Nächte, die einen verändern. Nicht die Länder. Nicht die Grenzen. Nicht die Sehenswürdigkeiten. Es sind diese Stunden zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, wenn man alleine mit seinen Gedanken ist. In Russland standen wir an der Wolga bei Wolgograd, wo stundenlang kein Mensch vorbeikam. Hinter uns Birkenwälder, vor uns Wasser und über uns ein Himmel, der so groß war, dass er jede menschliche Bedeutung verschluckte. In Georgien saßen wir auf Bergrücken, während die Gewitter durch die Täler zogen. In Armenien standen wir neben uralten Klöstern in Nebelschwaden, die schon dort standen, als unsere Vorfahren noch nicht einmal wussten, dass es diese Berge gibt. Und immer wieder dieselbe Erkenntnis: 

Die Welt braucht uns Reisende nicht. Sie kommt wunderbar ohne uns zurecht. Das klingt zunächst ernüchternd. Tatsächlich ist es befreiend.

Mit den Jahren verändert sich auch der Blick auf Komfort. Vielleicht ist Komfort sogar eine der größten Illusionen unserer Zeit. Zuhause diskutieren Menschen über Matratzenhärten, Heizsysteme, Klimaanlagen, WLAN-Geschwindigkeiten, warme Duschen und die perfekte Innenraumbeleuchtung. Ich habe solche Gespräche früher ebenfalls geführt. Dann sitzt man irgendwann in der Westsahara auf einer Düne, während unten der Atlantik gegen die Küste schlägt. Und es gibt weltweit nur wenige Orte an denen die Wüste das Meer küsst. Auf dem Gaskocher blubbert eine Tajine. Der Wind riecht nach Salz. Castor liegt im Sand und beobachtet Möwen, als hätte er einen Vollzeitjob daraus gemacht. Und plötzlich fehlt nichts. Kein Fernseher. Kein Internet. Kein Restaurant. Kein Luxus. Nur dieser Moment. Vielleicht besteht wahres Glück nicht darin, immer mehr zu haben. Vielleicht besteht es darin, irgendwann festzustellen, dass man längst genug hat.

Fischerdorf in der Westsahara 


Das ist eine Erkenntnis, die einem unterwegs immer wieder begegnet. Besonders in den Wüsten. Dort trifft man Menschen, die mit erstaunlich wenig leben und dennoch eine Gelassenheit, Stolz und Zufriedenheit ausstrahlen, die man in Europa oft vergeblich sucht. Ich erinnere mich an einen Nomaden in Mauretanien. Sein gesamter Besitz hätte wahrscheinlich in die Hälfte meiner Kabine gepasst. Einige Decken. Ein paar Töpfe. Seine Tiere. Mehr war da nicht. Aber während wir Tee tranken und der Wind über die Ebene zog, wirkte er auf mich reicher als viele Menschen, die ich kenne. Vielleicht, weil er die Grenze zwischen „haben“ und „brauchen“ längst verstanden hatte.

Nomade irgendwo in Mauretanien im Adrar 

Je länger man reist, desto schwerer werden Dinge. Nicht physisch. Gedanklich. Jedes Teil will transportiert werden. Jedes Teil kann kaputtgehen. Jedes Teil braucht Aufmerksamkeit. Irgendwann beginnt man auszusortieren. Erst Ausrüstung. Dann Kleidung. Dann Gewohnheiten. Dann Erwartungen. Und schließlich stellt man fest, dass die wirklich wichtigen Dinge erstaunlich wenig Platz benötigen. Gesundheit. Zeit. Ein zuverlässiges Fahrzeug. Ein guter Hund. Menschen, denen man vertrauen kann. Der Rest ist oft nur Ballast, den wir mit uns herumschleppen, weil wir vergessen haben, warum wir ihn überhaupt einmal aufgehoben haben.

Die vielleicht größte Veränderung aber betrifft die Einsamkeit. Viele Menschen haben Angst davor, alleine zu sein. Deshalb läuft ständig etwas. Das Radio. Der Fernseher. Das Smartphone. Irgendein Geräusch muss die Stille vertreiben. Die Wüste kennt keine Gnade mit solchen Fluchtversuchen. Dort gibt es keine Ablenkung. Keine Einkaufszentren. Keine Termine. Keine dauernde Unterhaltung. Nur dich. Und genau deshalb ist sie so ehrlich. Sie zwingt dich, mit dir selbst auszukommen. Anfangs kann das unangenehm sein. Später wird es zu einem Geschenk. Ich habe Abende erlebt, an denen ich stundenlang vor dem Fahrzeug saß und dem Wind zusah, wie er Muster in den Sand zeichnete. Castor lag daneben und schlief. Die Sonne verschwand hinter den Dünen. Kein Mensch weit und breit. Und trotzdem fühlte ich mich weniger einsam als in manchen voll besetzten Besprechungsräumen meines früheren Berufslebens.

3 Tage Einsamkeit in Mauretanien bei Kankossa, Grenze zu Mali und Senegal

Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung nach tausend Nächten draußen. Man wird nicht mutiger. Nicht härter. Nicht klüger. Man wird nur etwas ehrlicher zu sich selbst. Man erkennt, dass Sicherheit oft eine Illusion ist. Dass Komfort nicht automatisch glücklich macht. Dass Besitz selten Freiheit bedeutet. Und dass die meisten Grenzen, die unser Leben bestimmen, nicht auf Landkarten eingezeichnet sind. Sie existieren nur in unseren Köpfen.

Als ich heute Abend die Dorfkneipe verließ, fragte mich einer der Nachbarn noch einmal, wie man das eigentlich macht. Monate unterwegs sein. Ohne Sicherheiten. Ohne Backup. Ohne Plan B. Ich dachte kurz nach und musste wieder lächeln. Die ehrliche Antwort lautet: Gar nicht. Man fährt einfach los. Und irgendwann, irgendwo zwischen einer russischen Piste, einem armenischen Bergpass, einer georgischen Hochebene oder einer mauretanischen Düne merkt man, dass man viel weniger braucht, als man immer geglaubt hat. Und dass Freiheit vielleicht nichts anderes ist als die Fähigkeit, mit der Unsicherheit Frieden zu schließen.

Gergeti Dreifaltigkeitskirche, Georgien 


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