Warum die meisten Reisenden scheitern – lange bevor sie losfahren

2. Thema - Gestern saß ich wieder in unserer Dorfkneipe. Irgendwann kam die Sprache auf Reisen. Nicht auf Pauschalreisen. Nicht auf zwei Wochen All-inclusive irgendwo am Meer. Sondern auf diese Reisen. Die langen. Die unbequemen. Die, bei denen man nicht genau weiß, wo man nächste Woche steht. Die Reisen, bei denen die Landkarte irgendwann aufhört und das Abenteuer anfängt.

„Das würde ich auch gern machen“, sagte einer. Diesen Satz höre ich seit fünfzehn Jahren. In Österreich. In Deutschland. Eigentlich überall.

Fast immer folgt danach ein Aber. Ein kleines Wort. Vier Buchstaben. Und genau an diesem Aber scheitern die meisten Menschen.

Nicht in der Sahara. Nicht im Pamir. Nicht auf irgendeiner russischen Schlammpiste. Sondern zuhause am Küchentisch. Die meisten Reisen scheitern lange bevor der Motor gestartet wird.

Ich habe Menschen getroffen, die mit einem rostigen Lada durch halb Asien gefahren sind. Und andere, die drei Jahre lang das perfekte Expeditionsfahrzeug planten und nie weiter kamen als bis zum Zubehörkatalog. Der Unterschied lag selten im Geld. Selten im Fahrzeug. Selten in den Fähigkeiten.

Der Unterschied lag meistens im Kopf. Denn die Wahrheit ist unbequem: Die meisten Menschen scheitern nicht an den Umständen. Sie scheitern an ihren Gedanken über die Umstände.


Der erste große Reisekiller heißt Planung.

Das klingt verrückt. Natürlich muss man planen. Aber viele planen so lange, bis die Reise unter den Plänen begraben wird. Welche Route? Welches Fahrzeug? Welche Reifen? Welcher Grenzübergang? Welche Versicherung? Welcher Notfallplan? Welcher Notfallplan für den Notfallplan?

Welcher Ersatz für den Ersatz? Irgendwann sieht die Reise aus wie ein militärisches Operationshandbuch. Und genau dann stirbt das Abenteuer.

Ich erinnere mich an einen Abend in Armenien. Wir standen irgendwo in den Bergen. Der eigentliche Plan war längst über den Haufen geworfen. Eine Straße war gesperrt. Eine andere existierte nur noch auf alten Karten. Am Ende landeten wir an einem Ort, den wir nie geplant hatten. Und genau dort wurde es einer der schönsten Abende der ganzen Reise. Die besten Geschichten beginnen selten mit dem Satz:

„Alles verlief exakt nach Plan.“


Der zweite Reisekiller heißt Angst.

Angst ist ein Meister der Verkleidung. Sie nennt sich Vernunft. Verantwortung. Realismus. Sicherheit. Aber oft bleibt sie einfach Angst. Was passiert, wenn das Auto kaputtgeht? Was passiert, wenn ich krank werde? Was passiert, wenn ich überfallen werde? Was passiert, wenn ich mich verfahre?

Die eigentliche Frage lautet: Was passiert, wenn nichts davon passiert? Denn genau das ist meistens der Fall. In den letzten Jahren bin ich durch Russland gefahren. Durch Zentralasien. Durch Georgien. Durch Armenien. Durch Mauretanien. Durch die Westsahara. Und weißt du, was die größte Gefahr war?

Meistens ich selbst. Meine Ungeduld. Meine schlechten Entscheidungen. Meine Müdigkeit. Nicht die Menschen. Nicht die Länder. Nicht die Wüste.

Die meisten Katastrophen entstehen im Kopf lange bevor sie jemals Realität werden. Dann kommen die Ausreden. Die sind besonders interessant. Weil sie sich ständig verändern.

Mit dreißig hat man kein Geld. Mit vierzig hat man keine Zeit. Mit fünfzig ist das Risiko zu hoch. Mit sechzig ist man zu alt. Mit siebzig ist die Gesundheit schuld.

Die Ausrede wechselt. Die Entscheidung bleibt dieselbe. Man bleibt zuhause. Ich kenne Menschen, die seit zehn Jahren von Nordkap reden. Andere reden seit fünfzehn Jahren von Marokko. Einige sprechen seit zwanzig Jahren davon, irgendwann die große Reise zu machen. Irgendwann.

Dieses Wort ist ein Friedhof. Dort liegen die meisten Träume begraben. Zwischen „nächstes Jahr“ und „wenn die Umstände besser sind“. Und dann gibt es noch etwas.

Etwas, worüber kaum jemand spricht. Vertrauen. Nicht Vertrauen in das Fahrzeug. Nicht Vertrauen in die Technik. Vertrauen in das Leben. Das klingt kitschig. Ist es aber nicht.

Nach tausenden Nächten draußen habe ich eines gelernt: Die meisten Probleme lassen sich lösen. Der Reifen wird gewechselt. Das Fahrzeug wird repariert. Der Umweg wird gefahren. Der Plan wird angepasst. Man findet Wasser. Man findet Diesel. Man findet Hilfe. Vor allem findet man Menschen.

Viel öfter als man glaubt. Ich erinnere mich an eine Piste irgendwo in Mauretanien. Wir hatten seit Stunden niemanden gesehen. Nichts. Kein Haus. Keine Straße. Kein Netz. Nur Sand. Dann tauchte plötzlich ein alter Toyota auf. Aus dem Nichts. Der Fahrer hielt an. Fragte, ob alles in Ordnung sei.

Bot Tee an. Lächelte. Fuhr weiter. Das war Mauretanien. Und gleichzeitig war es eine Erinnerung daran, dass die Welt oft freundlicher ist als unser Nachrichtenfeed. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Reisende scheitern. Nicht weil sie zu wenig Geld haben. Nicht weil sie das falsche Fahrzeug besitzen. Nicht weil die Welt zu gefährlich geworden wäre. Sondern weil sie darauf warten, dass die Angst verschwindet.

Dass endlich der perfekte Zeitpunkt kommt. Dass irgendwann alle Ampeln auf Grün stehen.

Die schlechte Nachricht lautet: Dieser Moment kommt nie. 

Die gute Nachricht lautet: Man braucht ihn nicht. Denn Reisen beginnt nicht mit einem Grenzübertritt. Nicht mit einem Flugticket. Nicht mit einem Fahrzeug. Reisen beginnt in dem Moment, in dem man aufhört, Ausreden zu sammeln und anfängt, Vertrauen zu entwickeln. Vertrauen darauf, dass nicht alles planbar ist. Vertrauen darauf, dass Probleme lösbar sind. Vertrauen darauf, dass die Welt größer ist als die eigene Komfortzone. Und vielleicht besteht der Unterschied zwischen denen, die ihre Träume leben, und denen, die nur darüber reden, am Ende aus einer einzigen Entscheidung.

Die einen fahren los. Die anderen planen weiter.

Ich glaube, dieser Artikel wird bei deinen Lesern sogar noch mehr Diskussionen auslösen als „1000 Nächte“, weil sich viele in mindestens einem dieser vier Punkte wiederfinden. Besonders der Satz „Irgendwann ist ein Friedhof, auf dem die meisten Träume begraben liegen“ hat das Potenzial, hängen zu bleiben.

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