Es war kein besonderer Tag. Zumindest glaube ich das. Vielleicht war es ein Dienstag. Vielleicht ein Samstag. Vielleicht war es auch völlig egal. Ich weiß es nicht mehr.
Und genau das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass die Wüste gewonnen hatte.
Heute habe ich mich mit einem guten Freund darüber unterhalten. Über Zeit. Über Uhren. Über Kalender. Darüber, dass wir ständig auf irgendeine Zahl starren. Acht Uhr. Zwölf Uhr. Feierabend. Wochenende. Monatsende. Jahreswechsel.
Als wären wir Vieh, das pünktlich gefüttert werden muss.
In der Wüste interessiert das keine verdammte Düne.
Die Sonne geht auf.
Die Sonne geht unter.
Dazwischen fährst du.
Nicht nach Uhr.
Nicht nach Kilometer.
Nicht nach Fahrzeit.
Du fährst einfach.
Auf ein Ziel zu.
Manchmal ist dieses Ziel nur der nächste Brunnen. Manchmal ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont, der sich Stunden später als einsamer Akazienbaum entpuppt. Manchmal ist es einfach nur der Platz, an dem du heute Nacht schlafen wirst.
Ob das fünf Stunden dauert oder zehn, spielt keine Rolle.
Irgendwann hörst du auf, auf den Kilometerzähler zu schauen.
Was soll er dir schon erzählen?
Dass es noch 143 Kilometer sind?
143 Kilometer können sechzig Minuten sein.
Oder zwei Tage.
Je nachdem, was die Wüste gerade von dir hält.
Und plötzlich verliert Zeit ihren Wert.
Nicht weil sie langsamer vergeht.
Sondern weil sie aufhört, wichtig zu sein.
Du wachst auf, wenn dein Körper ausgeschlafen hat oder dein Hund beginnt dir das Ohr auszulecken. Du isst, wenn du Hunger hast. Du hältst an, wenn die Landschaft sagt: "Hier."
Nicht wenn irgendein digitaler Kasten piept.
Wenn ich wieder zu Hause bin, prallen manchmal zwei Welten aufeinander.
Meine lieben Nachbarn laden mich oft zum Essen ein. Eine schöne Geste.
"Wir essen um zwölf."
Zwölf. Die Glocken läuten um zwölf in unserem Dorf. Für sie ist das Mittag.
Für mich ist das irgendeine Zahl.
Vielleicht habe ich gerade erst vor eineinhalb Stunden gefrühstückt. Castor hat eben erst seine Morgenrunde beendet und im Wald seinen Beitrag zur Natur geleistet. Wir sind noch irgendwo zwischen Frühstückskaffee und dem ersten richtigen Tag.
Und dann soll Mittagessen sein.
Ich muss jedes Mal schmunzeln.
Nicht über meine Nachbarn.
Sondern darüber, wie tief diese Uhr in uns allen steckt.
Früher war ich genauso.
Als Interim-Manager und Unternehmensberater wurde ich nach Zeit bezahlt.
Der Tag bestand aus Viertelstunden.
Meetings.
Telefonkonferenzen.
Terminen.
Deadlines.
Jede Minute hatte einen Preis.
Jede Stunde einen Stundensatz.
Zeit war Geld.
Heute ist Zeit etwas völlig anderes geworden.
Heute ist sie mein größtes Kapital.
Nicht mehr nach ihr funktionieren zu müssen.
Nicht mehr ständig auf die Uhr zu sehen.
Nicht mehr in einem Kalender zu leben.
Sondern Zeit einfach geschehen zu lassen.
Die Welt draußen dreht völlig durch.
Meetings.
Termine.
Deadlines.
Kalendereinträge.
Erinnerungen.
Noch schnell dies.
Noch schnell das.
Die Menschen rennen ihrer eigenen Uhr hinterher und nennen das Leben.
Die Wüste lacht darüber.
Sie hat Millionen Jahre Zeit.
Sie wartet einfach während sich der Sand jede Minute verschiebt.
Und irgendwann beginnt etwas Merkwürdiges.
Du musst überlegen, welcher Tag heute überhaupt ist.
Du bist dir nicht sicher, welcher Monat gerade läuft.
Nicht weil du vergesslich wirst.
Sondern weil diese Information ihren Wert verloren hat.
Ob Mittwoch oder Sonntag.
Ob Juni oder Oktober.
Der Sand macht keinen Unterschied.
Der Wind ebenfalls nicht.
Ich habe irgendwann aufgehört, Tage zu zählen.
Stattdessen erinnerte ich mich an Sonnenuntergänge.
An Sterne.
An den Geruch von heißem Motoröl.
An den Geschmack eines viel zu süßen Tees.
An das Knirschen der Reifen im Sand.
Das waren plötzlich meine Kalenderblätter.
Und als ich Wochen später wieder zurückkam, fiel mir etwas auf.
Die Menschen fragten nicht, was ich gesehen hatte. Sie fragten:
"Wie lange warst du weg?"
Eine typische Frage von Menschen, die Zeit zählen.
Die bessere Frage wäre gewesen:
"Hast du dich verändert?"
Denn genau das macht die Wüste.
Sie nimmt dir nicht die Zeit.
Sie nimmt dir den Glauben, dass Zeit das Wichtigste wäre.
Vielleicht ist das der größte Luxus, den man heute noch finden kann.
Nicht Geld.
Nicht Komfort.
Nicht ein neues Auto.
Sondern morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, wie spät es ist.
Und es ist dir völlig egal.
Ich glaube, genau dort beginnt Freiheit.
Nicht dort, wo die Straßen enden.
Sondern dort, wo die Uhr aufhört, über dein Leben zu bestimmen.
Denn irgendwann erkennst du, dass du die Zeit niemals besitzen wirst.
Aber du kannst aufhören, dich von ihr besitzen zu lassen.





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