Die gefährlichste Straße der Welt führt nicht durch die Wüste

Von Castor

Die Frage kommt zuverlässig. Nicht immer sofort. Manchmal erst nach dem zweiten Bier. Manchmal an Tankstellen. Manchmal irgendwo auf einem Stellplatz, während jemand in seinen Campingstuhl sinkt und versucht zu verstehen, warum ein Mensch freiwillig nach Mauretanien fährt.

„Sag mal ...“ Dann kommt die Pause. ..... „Ist das nicht gefährlich?“

Gemeint sind immer dieselben Länder.
Westsahara.
Marokko.
Mauretanien.
Russland.
Georgien.
Armenien.

Man spricht diese Namen aus, als lägen dort an jeder Kreuzung bewaffnete Verrückte hinter Sandsäcken. Als würde der Tod dort Schichtdienst machen. Ich liege dann meistens neben dem Auto, kratze mich am Ohr oder an den Eiern und frage mich, woher die Leute ihre Vorstellungen beziehen.

Dann fällt es mir wieder ein.
Fernsehen. Zeitungen. Schlagzeilen. Diese Fabriken für Angst. Denn Angst verkauft sich besser als Normalität.

Zu Gast bei einer Hirtenfamilie in Ostanatolien 

Niemand schreibt einen Artikel darüber, dass man irgendwo in Armenien bei einer Familie am Tisch saß, Brot gegessen hat und einen vollkommen unspektakulären Abend erlebte. Das liest kein Mensch.

Aber ein brennendes Auto? Das schafft es bis auf die Titelseite. Also entsteht langsam ein Bild. Ein Bild von einer Welt voller Gefahren. Und je weiter ein Land entfernt liegt, desto größer wird das Monster. Natürlich kommen diese Vorstellungen nicht nur aus den Nachrichten.




Heute kommen sie genauso aus Reiseblogs, YouTube-Kanälen und den immer gleichen Influencern und Reisebloggern die glauben damit ihre Lebensunterhalt verdienen zu können, die irgendwo mit einer Kamera herumrennen und aus jeder Mücke einen Elefanten machen.

Ein platter Reifen wird zur Überlebensgeschichte. Ein unfreundlicher Grenzbeamter zur internationalen Krise. Ein streunender Hund zur lebensgefährlichen Begegnung. Ein Stromausfall zur Katastrophe. Ein falscher Weg zur dramatischen Flucht.




Manchmal habe ich das Gefühl, manche Leute fahren gar nicht los, um die Welt zu erleben. Sie fahren los, um Material für das nächste Drama zu produzieren. Denn Angst bringt Klicks. Gefahr bringt Reichweite.

Und ein Titel wie „Schöner entspannter Tag in Mauretanien“ interessiert ungefähr so viele Menschen wie ein Bericht über trocknende Wandfarbe.

Also wird aufgeblasen. Übertrieben. Zusammengeschnitten. Musik daruntergelegt, als stünde der Weltuntergang bevor. Manchmal ertappe ich auch den Alten dabei.

Plötzlich wird aus einer völlig normalen Situation ein Abenteuerfilm für Menschen, die zuhause auf dem Sofa sitzen und glauben sollen, hinter jeder Düne lauere das Verderben.

Ich halte das für eine ziemlich kranke Entwicklung. Nicht weil Probleme verschwiegen werden sollten. Probleme gehören zum Reisen dazu. Aber weil dadurch ein Bild von Ländern entsteht, das mit der Wirklichkeit oft nur noch wenig zu tun hat.




Millionen Menschen leben dort ganz normale Leben.

Sie gehen arbeiten.
Sie bringen ihre Kinder zur Schule.
Sie kaufen Brot.
Sie trinken Tee.

Und irgendwo kommt ein Influencer vorbei, filmt zehn Minuten seines schlechtesten Tages und verkauft das anschließend als den Normalzustand eines ganzen Landes. Das ist keine ehrliche Berichterstattung. Das ist schlechte Unterhaltung. Und manchmal grenzt es an gezielte Desinformation.

Wer lange genug unterwegs ist, erkennt irgendwann den Unterschied zwischen echter Gefahr und einer Geschichte, die gefährlich aussehen soll. Der Unterschied ist meistens ziemlich groß. Dabei sieht die Wirklichkeit meistens ziemlich langweilig aus. Und langweilig ist oft eine gute Nachricht.




In der Westsahara gab es Tage, an denen selbst der Wind zu faul war. Kilometer um Kilometer aus Stein, Sand und Himmel. Manchmal fuhr tagelang kein einziges Fahrzeug vorbei.

Die größte Gefahr bestand darin, einzuschlafen, weil die Landschaft so unbeweglich wirkte, als hätte jemand die Welt auf Pause gestellt.

Die Menschen waren freundlich.
Die Soldaten an den Kontrollpunkten ebenfalls.
Die Kamele ignorierten mich. Wie fast alle Kamele. Kamele haben den Charakter schlecht gelaunter Steuerprüfer.

Marokko?
Die Leute erzählen von Betrügern.
Von Taschendieben.
Von dubiosen Gestalten.
Natürlich gibt es die.
Es gibt auch Tauben.
Beides gehört zur Ausstattung einer Stadt. 
OK in Marokko können einem manche Leute wirklich auf den Sack gehen. Aber sie sind meist nicht gefährlich

Wer mit offenen Augen unterwegs ist, wird damit zurechtkommen. Die meisten Marokkaner, denen wir begegnet sind, wollten nichts von uns. Außer vielleicht wissen, woher wir kommen. Oder warum ein Hund aussieht, als würde er die gesamte Expedition leiten.

Mauretanien wird oft behandelt wie ein Ort, an dem man nach Sonnenuntergang sofort verschwindet.
Die Wahrheit?
Die meiste Zeit verschwindet dort überhaupt nichts.
Außer vielleicht die Straße.
Und manchmal der Mobilfunkempfang.




Ich erinnere mich an staubige Orte, an Teegläser, an Gesichter, die von Sonne und Wind gezeichnet waren. An Menschen, die selbst sehr wenig hatten und trotzdem teilten und uns einluden. 
Nicht weil ein Reiseführer das behauptet. Sondern weil sie es einfach taten und weil es in ihrer Kultur normal ist, Reisende zu unterstützen.

Russland.
Allein das Wort reicht inzwischen aus, um manche Menschen nervös werden zu lassen. Dabei begegneten wir dort vor allem Menschen.
Keine Schlagzeilen.
Keine politischen Kommentare.

Menschen. Die meisten wollen dasselbe wie überall.
Ihre Ruhe.
Ihre Familie.
Etwas zu essen.
Etwas zu lachen.
Einen normalen Tag.

Das klingt enttäuschend. Aber die Wahrheit ist meistens enttäuschend für Menschen, die auf Sensationen hoffen.

Georgien und Armenien fühlten sich manchmal an wie Orte aus einer anderen Zeit. Berge, die aussehen, als wären sie älter als die Sprache selbst.
Straßen, die plötzlich verschwinden.
Dörfer, die wirken, als hätte die Welt sie vergessen.
Und Menschen, die einen behandeln, als wäre man ein Gast und nicht bloß ein Kunde.

Das ist ein Unterschied, den man erst bemerkt, wenn man ihn erlebt. Die Sache ist die:
Fast niemand fragt mich, ob die Fahrt von Hamburg nach München gefährlich sei. Dabei würde ich dort deutlich mehr Angst haben.




Eine Autobahn voller Menschen, die zu wenig schlafen, zu viel arbeiten und mit hundert Dingen gleichzeitig beschäftigt sind.
Laster.
Stauenden.
Drängler.
Sekundenschlaf.
Reifenplatzer.
Handys am Steuer.
Zeitdruck.
Aggression.

Dort kracht es wirklich. Jeden Tag. 
Nicht theoretisch.
Nicht vielleicht.
Sondern tatsächlich.

Wenn ich die gesamte Strecke durch Westsahara, Marokko, Mauretanien, Russland, Georgien und Armenien zusammennehme, dann erscheint mir eine lange Fahrt über europäische Autobahnen oft gefährlicher als vieles von dem, wovor Menschen sich fürchten.

Das klingt romantisch. Ist es aber nicht. Denn die Welt ist nicht harmlos. Wer das behauptet, hat entweder zu wenig erlebt oder zu viel getrunken.

Natürlich gibt es Risiken.
Natürlich gibt es Orte, an denen man besser nicht übernachtet.
Natürlich gibt es Regionen, die man meidet.
Natürlich gibt es Situationen, die man nicht provoziert.
Reisen ist kein Kindergeburtstag.
Es ist aber auch kein Krieg.
Die meisten Probleme entstehen nicht durch das Land.
Sie entstehen durch schlechte Entscheidungen.
Durch Arroganz.
Durch mangelnde Vorbereitung.
Durch Menschen, die glauben, sie seien klüger als ihre Umgebung.

Wer in ein fremdes Land fährt, sollte wissen, wohin er fährt.
Sollte die aktuelle Lage kennen.
Sollte verstehen, wie die Menschen dort leben.
Sollte wissen, welche Gegenden man nachts meidet.

Wo man steht.
Wo man weiterfährt.
Wann man besser die Klappe hält.
Wann man Fragen stellt.

Respekt ist oft wertvoller als jede Versicherung. Vorbereitung ist kein Zeichen von Angst. Vorbereitung ist Respekt.

Vor dem Land.
Vor den Menschen.
Vor den Umständen.




Wer glaubt, man könne blind in jedes Land fahren und alles werde schon irgendwie funktionieren, verwechselt Abenteuer mit Dummheit. Und Dummheit war noch nie ein verlässlicher Reisebegleiter. Die Wahrheit ist viel einfacher als die Geschichten. Fast überall auf dieser Welt leben normale Menschen.
Keine Monster.
Keine Feinde.
Keine Gestalten aus Nachrichtenbeiträgen.
Normale Menschen.
Mit Rechnungen.
Mit Sorgen.
Mit Familien.
Mit Träumen.
Mit Hunden.

Und manchmal sitzt man tausende Kilometer von zuhause entfernt vor einem rostigen Tor, trinkt Tee mit Fremden und stellt fest, dass man sich ähnlicher ist als all die Leute, die zuhause über die Gefährlichkeit dieser Länder diskutieren.

Vielleicht ist das die eigentliche Gefahr.
Nicht die Wüste.
Nicht die Berge.
Nicht die fremden Länder.
Sondern die Angst vor Dingen, die man nie selbst gesehen hat. Angst ist bequem. 
Sie sitzt zuhause auf dem Sofa. 
Sie schaut Nachrichten.
Sie klickt auf dramatische Videos.
Sie nickt zustimmend.
Und sie verlässt niemals das Dorf.

Die Wirklichkeit dagegen ist staubig.
Sie hat Kratzer.
Sie riecht nach Diesel, Lagerfeuer, Schweiß und nassem Hund.

Manchmal läuft sie schief.
Manchmal geht etwas kaputt.
Manchmal wird es anstrengend.
Aber meistens ist sie erstaunlich freundlich.
Viel freundlicher als ihr Ruf.

Ich bin nur ein Hund. Was weiß ich schon. Aber ich habe mehr Gastfreundschaft in einem staubigen Dorf am Rand der Sahara erlebt als auf manchem deutschen Parkplatz. Mehr Hilfsbereitschaft auf einer mauretanischen Piste als an so mancher europäischen Raststätte. Und mehr Gelassenheit zwischen den Bergen Georgiens und Armeniens als auf der linken Spur zwischen Hamburg und München.

Wenn mich also wieder jemand fragt, ob diese Länder gefährlich seien, werde ich wahrscheinlich dasselbe tun wie immer.

Ich werde mich hinlegen. Gähnen. Die Augen halb schließen. Und denken:

Die gefährlichste Straße, die ich kenne, führt nicht durch die Wüste. 
Sie führt durch die Köpfe der Menschen.

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