Es gibt Orte, an denen die Welt noch in Ordnung ist. Natürlich ist das gelogen. Die Welt ist ein kaputter Laden. Überall stehen Idioten hinter den Tresen und verkaufen dir Angst, Karriere, Status und irgendeinen anderen Scheiß, den du angeblich brauchst, bevor du endlich zufrieden sein darfst.
Aber hier vor meiner Scheune ist davon gerade nicht viel zu sehen. Zweihundert Jahre alter Bauernhof. Drei Würste auf dem Grill. Eine Flasche Blaufränkisch, die langsam ihrer endgültigen Bestimmung entgegengeht. Ich sitze mit nacktem Oberkörper davor und schwitze trotzdem wie ein alter Hafenarbeiter im Hochsommer. Der Ventilator läuft neben mir und schiebt die heiße Luft von einer Seite zur anderen. Ein ziemlich sinnloses Gerät, aber immerhin einer der wenigen Kollegen, die ich heute noch dulde.
Im Garten zirpen die Zikaden. Sie haben keine Meetings. Keine Quartalszahlen. Keine Kunden, die um 22:17 Uhr noch schnell eine „kleine Sache“ brauchen. Sie zirpen einfach. Und vielleicht haben sie damit mehr vom Leben verstanden als wir.
Castor liegt irgendwo herum. Er ist nicht mein Hund. Das sage ich inzwischen gerne. Er ist mein Reisebegleiter. Mein Kumpel auf vier Pfoten. Der einzige, der nicht fragt, was ich beruflich mache, wie viel ich verdiene oder ob das mit der Zukunft schon geregelt ist.
Vor zwei Jahren hätte ich jetzt wahrscheinlich irgendwo in Europa übernachtet. In Berlin, Köln, Frankfurt oder München. Vielleicht auch in London oder in irgendeinem anderen großen europäischen Dorf, das sich für eine Weltstadt hält. Und es hätte nicht einmal ein muffiges Hotel sein müssen. Im Gegenteil. Es war meist ein Fünf-Sterne-Hotel. Marmor. Teppich. Champagner in der Lobby. Ein Bett größer als manche Wohnungen. Alles perfekt. Und trotzdem nur ein Hotel. Ein verdammt gutes Hotel vielleicht. Aber eben ein Hotel.Oder ich wäre bei irgendeinem Italiener gesessen, der gerade angesagt war. Spaghetti aglio e olio. Gegrillter Thunfisch. Eine Flasche Rotwein. Und während ich das Zeug in mich hineingeschaufelt hätte, wäre ich im Kopf schon wieder bei morgen gewesen.
Was muss beim Kunden noch erledigt werden? Wer wartet auf meinen Rückruf? Welche Scheiße brennt diesmal? Und wann verdammt noch mal kann ich endlich nach Hause zu meiner Familie?
Das war damals mein Leben. Ich hielt es für normal. Das ist wahrscheinlich das Gefährlichste am ganzen Scheiß. Man gewöhnt sich an fast alles. An Stress. An Termine. An schlechte Nächte. An gute Hotels.
An Menschen, die einem auf die Nerven gehen. An dieses permanente Gefühl, irgendwo zu spät zu sein, obwohl man eigentlich nirgendwo hinwill. Dann kommt irgendwann der Moment, in dem du merkst:
Du kannst auch einfach aufhören. Ich habe aufgehört. Nicht dramatisch. Keine große Rede. Kein letzter Händedruck im Konferenzraum. Ich habe einfach den Stecker gezogen. Und plötzlich war da wieder Zeit. Zeit für einen alten Bauernhof. Zeit für drei Würste. Zeit für einen Hund, der eigentlich keiner ist. Zeit für einen alten MAN, der mehr Rost als Elektronik zu haben scheint und trotzdem wieder irgendwohin fahren wird. Zeit zum Reisen.
Morgen wird am Seilwindenfenster herumgeschraubt. Werkzeug. Metall. Öl. Dreck. Vielleicht ein Fluch, wenn die Scheiße nicht so will, wie sie soll. Aber das ist wenigstens ehrliche Scheiße. Im September oder Oktober geht es wieder los. Der MAN muss fit sein. Wohin? Das wird sich ergeben. Früher hätte mich diese Antwort nervös gemacht. Heute finde ich sie ziemlich geil.
Denn vielleicht ist das Alter nicht das Ende der Freiheit. Vielleicht ist es der Zeitpunkt, an dem man endlich aufhört, sich dafür zu entschuldigen, dass man frei sein will.
Die Zikaden machen weiter. Der Ventilator röchelt. Der Blaufränkisch ist fast Geschichte. Castor schläft. Und ich sitze hier vor dieser alten Scheune, schreibe diesen Artikel und denke:
Verdammt. Vielleicht habe ich mein Leben nicht verloren. Vielleicht habe ich es einfach nur endlich zurückbekommen.



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