Der Alte wollte es jetzt ganz genau wissen. Als ob es nicht reichen würde, mich anzusehen. Jeder halbwegs vernünftige Mensch erkennt doch, dass ich ein Mischling bin. Aber der Alte ist eben einer von diesen Menschen, die alles genau wissen wollen. Also hat er mir ein bisschen DNA geklaut und zu irgendwelchen Leuten geschickt, die den ganzen Tag Hundegene anschauen. Mehr als 1.800 genetische Marker haben die untersucht und mit einer Datenbank aus hunderten Rassen verglichen. Das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Ich bin 38 Prozent Border Collie, 25 Prozent AmStaff Terrier, 19 Prozent Magyar Vizsla, 13 Prozent Berner Sennenhund, 4 Prozent Spinone Italiano und 1 Prozent Drahthaar Vizsla.
Ich finde, das klingt ziemlich beeindruckend. Fast wie eine schlechte Rockband aus sechs
Ländern, die sich irgendwann nachts nach zu viel Schnaps getroffen und beschlossen hat, einen Hund zu machen. Herausgekommen bin ich. Castor. Geboren am 15. September 2024 in Ungarn. Wobei meine Geschichte nicht gerade mit einem goldenen Halsband und einem gemütlichen Körbchen angefangen hat. Ich komme aus einer Tötungsstation in Ungarn. Dort interessiert sich keiner für deinen Stammbaum. Da interessiert höchstens, ob du morgen noch da bist. Ich hatte Glück und kam von dort in ein Tierheim. Und dann kam der Alte.Seitdem hat sich mein Leben ein wenig verändert. Ich sitze im ISUZU oder MAN, fahre durch die Gegend, schlafe quer auf dem Bett des Alten, gehe mit ihm in den Wald, fresse Äpfel und Himbeeren die ich selbst pflücke und Käse und muss aufpassen, dass der Mann keinen größeren Unsinn macht, als unbedingt nötig. Er nennt das Erziehung. Ich nenne es Aufsicht. Einer von uns muss schließlich vernünftig bleiben.
Jetzt weiß ich wenigstens, woher einige meiner Macken kommen. 38 Prozent Border Collie. Das erklärt, warum ich den Alten ständig im Auge behalten muss. Border Collies hüten. Sie beobachten. Sie wollen wissen, wo jeder ist und was jeder macht. Bei mir ist davon offenbar einiges hängen geblieben.
Wenn der Alte aufsteht, bin ich schon wach. Wenn er zum Auto geht, bin ich schon da. Wenn er in den Wald geht, gehe ich hinterher. Nicht unbedingt, weil ich Lust darauf habe. Man muss schließlich wissen, was der Kerl vorhat.
Dann kommen 25 Prozent AmStaff Terrier. Das ist vermutlich der Teil, der gelegentlich sagt: „Scheiß drauf.“ Der Border Collie in mir sagt: „Wir sollten das vernünftig machen.“ Der AmStaff sagt: „Warum eigentlich?“ Und meistens gewinnt der zweite. Deshalb nennt mich der Alte manchmal einen sturen, bekloppten Hund. Ich sehe das anders. Ich habe Charakter. Man muss schließlich nicht jede bescheuerte Idee eines Menschen unterstützen.
Die 19 Prozent Magyar Vizsla passen schon eher zu meiner Geschichte. Ungarn. Vielleicht steckt davon noch etwas in meiner Nase. Vielleicht ist es auch dieser verdammte Drang, überall stehenzubleiben und erst einmal herauszufinden, wer hier vor mir gewesen ist. Ein Hund lebt schließlich nicht von DNA-Analysen. Ein Hund lebt von Gerüchen.
Dann sind da 13 Prozent Berner Sennenhund. Das erklärt wahrscheinlich meine Einstellung zum Schlafen. Besonders auf dem Bett des Alten. Er behauptet immer, ich würde zu viel Platz brauchen. Das stimmt nicht. Ich liege völlig normal. Er liegt einfach falsch.
Vier Prozent Spinone Italiano und ein Prozent Drahthaar Vizsla gibt es auch noch. Die Menschen würden sagen, das sei kaum der Rede wert. Aber ein Prozent kann reichen. Ein Prozent kann entscheiden, dass genau dieser Busch jetzt untersucht werden muss. Nicht der daneben. Dieser. Und zwar gründlich.Der Stammbaum selbst ist übrigens nur eine vereinfachte Darstellung. Einige meiner Vorfahren waren schon Mischlinge, und kleine genetische Anteile tauchen dort nicht mehr sauber auf. Das gefällt mir. Denn damit ist wissenschaftlich bestätigt, was ich ohnehin schon wusste: Menschen verstehen Mischlinge nicht. Sie schauen dich an und sagen: „Da ist bestimmt Beagle drin. Ich bin also offiziell der lebende Beweis dafür, dass man einen Hund nicht nach seinem Äußeren beurteilen sollte. Eigentlich sollte man das bei Menschen auch nicht tun.
Vor allem nicht beim Alten. Denn wenn wir schon bei Abstammung sind, sollten wir vielleicht einmal über ihn reden. Der Alte ist nämlich ebenfalls eine ziemlich bunte Mischung. Seine Vorfahren stammen aus Deutschland, genauer gesagt aus dem Schwabenländle, aus dem zentralen Frankreich und – jetzt wird es interessant – seine Mutter hieß Martini. Man muss kein DNA-Labor sein, um bei diesem Namen wenigstens einen gewissen Verdacht auf Italien zu bekommen.
Das erklärt einiges. Schwäbische Vorfahren bedeuten vermutlich: erst einmal rechnen. Französische Vorfahren bedeuten: erst einmal diskutieren. Italienische Vorfahren bedeuten: erst einmal einen guten Wein. Und dann kommt dieser Typ dabei heraus, der mit seinem ISUZU oder MAN irgendwo in der Gegend herumfährt, im Wald stehen bleibt, einen Hund durch die Gegend scheucht und sich einredet, dass er dabei die Kontrolle hat.
Er hat sie nicht. Ich weiß das. Ich beobachte ihn schließlich schon eine ganze Weile.
Vielleicht sind wir deshalb so ein gutes Team. Wir sind beide Mischlinge. Bei mir können sie die Prozente ausrechnen. Bei ihm wird es schwieriger. Vielleicht 40 Prozent Schwabe, 30 Prozent Franzose, 20 Prozent Italiener aber sicher 100 Prozent verdammter Dickkopf.
Der Unterschied zwischen uns ist eigentlich nur, dass mein Stammbaum auf einem Zertifikat steht und seiner wahrscheinlich irgendwo in alten Kirchenbüchern herumliegt. Ich finde, damit ist eigentlich alles gesagt.
Und trotzdem ist unser Stammbaum am Ende gar nicht das Wichtigste. Denn DNA kann erklären, woher bestimmte Eigenschaften kommen. Sie kann aber nicht erklären, warum ein Hund aus einer Tötungsstation in Ungarn irgendwann in einem Tierheim landet und anschließend bei einem alten Mann im ISUZU sitzt.
Sie kann nicht erklären, warum dieser Mann mich mitgenommen hat. Sie kann nicht erklären, warum ich heute ein Bett habe, durch Wälder laufe, fremde Länder sehe und ständig irgendwohin fahre, obwohl ich manchmal lieber einfach liegen bleiben würde. Dafür gibt es keinen genetischen Marker.
Vielleicht ist genau das mein eigentlicher Stammbaum. Nicht die Hunde, die vor mir waren. Sondern das, was danach passiert ist. Ich komme aus einer Tötungsstation in Ungarn. Ich war im Tierheim. Dann kam der Alte. Und plötzlich hatte ich ein Leben. Kein besonders ruhiges, zugegeben. Aber ein verdammt gutes.
Ich habe sechs verschiedene Rassen in meiner DNA. Ich habe Ungarn in meiner Geschichte. Und ich habe einen Alten, der Schwaben, Frankreich und Italien im Blut hat und offenbar glaubt, dass ein Leben ohne ständig neue Straßen, Wälder und irgendwelche verrückten Ideen keinen Sinn macht.
Vielleicht hat sich da einfach gefunden, was zusammengehört. Zwei Mischlinge. Und beide mit einem ziemlich ausgeprägten Hang dazu, ihren eigenen Kopf durchzusetzen.
Wenn mich heute jemand fragt, was ich bin, kann ich es genau sagen:
38 Prozent Border Collie.
25 Prozent AmStaff Terrier.
19 Prozent Magyar Vizsla.
13 Prozent Berner Sennenhund.
4 Prozent Spinone Italiano.
1 Prozent Drahthaar Vizsla.
Aber das ist nur die DNA. Was ich wirklich bin, steht nicht auf dem Zertifikat.
Ich bin Castor. Der Hund aus Ungarn. Der Hund, der irgendwann beim Alten gelandet ist. Und heute sitze ich im MAN, fahre mit ihm durch die Welt und passe auf, dass er keinen völligen Blödsinn macht.
Er glaubt übrigens immer noch, dass er auf mich aufpasst. Ich lasse ihn in diesem Glauben. Man muss einem alten Mann schließlich auch ein paar Illusionen lassen.


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