Wie langsam kann der Alte eigentlich fahren?

Eine der Fragen, die mir als Hund seit dem Wechsel auf den MAN G90 durch den Kopf gehen und dem Alten am häufigsten gestellt wird: 

„Wie schaffst du das eigentlich mit der Geschwindigkeit im Lkw? Wie kommst du damit zurecht, so langsam zu fahren?“

Früher war der Kerl offenbar schneller unterwegs. 

Ich habe die alten Geschichten gehört. Land Rover. Defender. Discovery. Jeep. Flotte Kisten, kräftige Motoren und immer schön auf die Tube. 140 150 180. Als hätte er einen Arsch voll Termine und der Teufel würde hinter ihm herfahren. Heute fährt er Lkw. Und plötzlich hat er Zeit. Verdammt viel Zeit.

Auf Schnellstraßen fährt er maximal 75. Autobahnen meidet er inzwischen fast vollständig. Wegen der Maut, sagt er. Und weil er keinen Bock mehr darauf hat, zwischen Lkw-Kolonnen, Baustellen und irgendwelchen Irren mit 180 Sachen seine Zeit zu verschwenden.

Ich glaube, er ist einfach alt geworden. Also fahren wir Landstraße. 60, 65, Manchmal 75. Wenn er richtig einen schlechten Tag hat, sogar nur 50 oder 55. 

Ich sitze daneben und frage mich, ob wir überhaupt noch fahren oder ob der MAN inzwischen einfach steht und die Landschaft an uns vorbeigeschoben wird.

Der Motor brummt. Der Alte starrt nach vorne. Ich starre aus dem Fenster. Eine Kuh. Ein Baum. Noch eine Kuh. Ich glaube, es ist immer noch derselbe Baum. Früher hätte der Alte darüber nur gelacht. Früher war er anders. Verdammt anders. Er fuhr Land Rover New Defender und Jeep, als müsste er irgendwo eine verdammte Wüste überholen. Autobahn 150 oder 180. Landstraße 110.

Er fuhr schnell, weil er schnell fahren konnte. Und weil er wenig Zeit hatte. Dafür mehr Geld als Heute. Das war offenbar wichtig. Heute hat er mehr Zeit als Geld. Und ich habe gelernt, dass Zeit bei einem Menschen eine ziemlich seltsame Sache ist. Wenn man jung ist, hat man davon angeblich zu wenig. Wenn man alt wird, hat man plötzlich jede Menge davon. Nur weiß man dann nicht mehr genau, wie lange die Zeit noch reicht.


Dann kam der Isuzu D-Max. Auch da wurde der Alte schon langsamer. Autobahn 95 bis 110. Landstraße 70 bis 80. Damals fand er das schon langsam. Heute lacht er darüber. Ich nicht. Ich lag auf dem Beifahrersitz und dachte schon damals: Verdammt, was soll die Scheiße?

Und dann kam der MAN G90. Da wurde aus langsam endgültig verdammt langsam. Natürlich gibt es Leute, die hinter uns nervös werden. Sie kommen von hinten, kleben an der Stoßstange, blinken wie Bekloppte und fuchteln mit den Händen herum. Der Alte schaut in den Spiegel und spricht: "Stau ist nur hinten blöd."

Der Alte sieht sie auch. Aber dann fährt er rechts ran und lässt sie vorbei. Früher hätte er sich darüber aufgeregt. Heute sagt er nur: „Soll er doch.“ Ich glaube, das ist eine Art Altersweisheit. Oder ihm ist einfach alles egal geworden. Vielleicht beides.

Denn genau darum geht es inzwischen. Der Alte hat keinen vollen Terminkalender mehr. Er muss nicht um 14:30 Uhr irgendwo sein. Selbst Fähren bucht er kurzfristig. Kein Kunde wartet. Kein Auftraggeber ruft an. Keiner sitzt irgendwo und schreit: „Wo bleiben Sie?“ Und vor allem muss er nicht schneller fahren, um Zeit zu gewinnen. Seine Währung ist heute die Zeit. Und davon hat er reichlich.

Zumindest bis zu dem Tag, an dem irgendein Idiot da oben beschließt, dass der alte Sack jetzt in die Jagdgründe gehört. Bis dahin lässt er sich Zeit. Er fährt einen Umweg. Hält an, wann er will. Bleibt irgendwo stehen. Lässt mich raus zum pissen. Trinkt einen Kaffee. Oder macht, wenn ihm alles zu blöd wird, eine Flasche Wein auf.

Ich finde Wein widerlich. Käse ist besser. Aber der Alte sieht das anders. Das ist wahrscheinlich das letzte bisschen Luxus, das er sich noch gönnt:

Nichts zu müssen. Und genau deshalb fährt er diesen Lkw so gerne. Der MAN zwingt ihn geradezu zur Langsamkeit. Mit 50 oder 60 sieht der Alte plötzlich Dinge, die er früher einfach überfahren hätte. Eine alte Scheune. Den Dorfdeppen mit Regenbogenfahne. Einen Waldweg. Ein Dorf, durch das er früher nur hindurchgeschossen wäre. Eine Landschaft, die nicht mehr wie ein beschissener Film an einem vorbeifliegt. 

Und ich glaube, langsam versteht er etwas. Man muss nicht immer irgendwohin rasen. Man kann auch einfach unterwegs sein. Wenn wir irgendwann ankommen, ist er nicht erschöpft davon, möglichst schnell dort gewesen zu sein. Er war einfach unterwegs. 

Ich liege auf meinem Platz. Der Alte fährt. Die Landschaft kriecht vorbei. Und irgendwo vorne kommt die nächste Kurve. Der Alte wird wahrscheinlich noch langsamer. Vielleicht auf 45. Mir ist es inzwischen egal. Solange wir weiterfahren, denn ich habe gelernt: Manchmal ist das Leben genau das.

Ein alter Mann. Ein verdammt langsamer Lkw. Ein guter Hund auf dem Beifahrersitz. Und noch eine Kurve, die irgendwo da vorne wartet. Das reicht mir inzwischen völlig.

 

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