06.10.2026

Der Tag der Auslandsdeutschen oder: Warum die Welt ohne uns im Elend versaufen würde (und warum ich es trotzdem tue)

Man teilt mir mit, heute sei der internationale Tag der Auslandsdeutschen. Großartig. Ein Tag für Abgehauene, Steuerflüchtlinge, Visionäre und Leute mit chronisch ruinierten Lebern.

Ich bin vor zwei Jahren auch abgehauen. Aber nennt mich verdammt noch mal nicht „Auswanderer“. Wandern tun verklemmte Typen in Funktionskleidung mit Ski-Stöcken ohne Skier und schlecht sitzenden Unterhosen, die Sonntags um acht Uhr morgens auf Hügel klettern, um trockenes Vollkornbrot mit Schinken zu kauen. Ich bin nicht gewandert. Ich bin gefahren. Mit schwerem Gerät, viel Diesel, verdammt viel Gepäck und einer gehörigen Portion Verachtung für die deutsche Bürokratie im Rückspiegel. Keinen Wohnsitz mehr im Bundesgebiet, den Pass tief in der Tasche, den Mittelfinger fest im Wind.

Wenn man sich die Geschichtsbücher ansieht – oder das, was Schlauseiten zum heutigen Tag zusammentippen –, stellt man fest: Die Auslandsdeutschen haben der Welt schon immer den Arsch gerettet. 

Während das Heimatland im eigenen Regulierungs- und Verbotswahn erstarrt, ziehen die Deutschen seit Jahrhunderten hinaus in die Prärie, bauen Imperien auf, erfinden den Ketchup, gründen Zeitungen, impfen die Welt gegen Seuchen oder bauen Flugzeuge. Levi Strauss nähte Hosen für Goldsucher, Henry Steinway baute Klaviere, damit Betrunkene in Saloons was zu heulen hatten, und Pfister brachte den Amerikanern bei, wie man Brot backt, das nicht nach Pappe schmeckt. Deutsche bauen überall auf der Welt Zeug auf, retten Leben und gründen Konzerne.

Und was tun sie zu Hause in Deutschland dafür? Nichts. Das eigene Volk schämt sich lieber in Grund und Boden für alles, was deutsch ist, ignoriert seine Auswanderer oder beschimpft sie als Vaterlands-verräter, während der Rest der Welt dankbar die Früchte unserer Sturheit erntet. Wir sind ein durchgeknalltes Volk. Die einen schuften im Ausland, bis die Knochen krachen, und die Politiker daheim verfassen Beipackzettel für den Untergang.

Ich reihe mich nahtlos in diese große Tradition der deutschen Weltretter ein. Nur dass ich weder Jeans erfinde noch Impfstoffe braue. Meine Mission ist direkter. Brutaler. Unmittelbarer. Ich leiste Entwicklungshilfe an der Front. In Österreich.

Die Welt da draußen redet schwülstig über Entwicklungshilfe für irgendwelche Südseeatolle. Ich betreibe Entwicklungshilfe in den Buschenschanken und den staubigen Ecken der steirischen und burgenländischen Rebenhänge. Ich nehme meine sauer verdiente Kohle – die paar Kröten, die nach dem ganzen bürokratischen Irrsinn übrig bleiben – und pumpe sie ohne Abzüge, ohne Gremien, ohne NGO-Wasserköpfe und ohne Gnade direkt in die Wirtschaft der Alpenrepublik.

Ich verkonsumiere jeden verdammten Cent hier vor Ort wenn ich nicht mit Castor unterwegs bin. Ich gebe nichts aus, was nicht den Besitzer eines österreichischen Wirtshauses oder eines Weinguts glücklich macht. Insbesondere dieser Industriezweig stützt sich mittlerweile fast ausschließlich auf meine Leber. Aber selbst in der Wüste konsumiere ich Wein aus der Steiermark.

Wenn ein österreichischer Winzer morgens durch seine Reben geht, die Trauben streichelt und zum Himmel betet, dass Hagel und Mehltau seine Existenz nicht verrecken lassen, dann betet er eigentlich zu mir. Ich bin seine Subvention. Ich bin sein EU-Rettungsschirm aus Fleisch und Blut. Wenn ich mir eine Flasche Zweigelt hinter die Binde kippe – und sagen wir ehrlich, es bleibt verdammt selten bei einer –, schaffe ich Arbeitsplätze. Ich sichere das Überleben von Traditionsbetrieben. Ich bezahle die Ausbildung der Winzertöchter, das Futter für den Hofhund und die neuen Reifen für den Traktor des Opas.

Ich sitze hinter unserer Scheune im Garten, der Dieselmotor meines Lasters riecht nach heißem Öl, das Glas in meiner Hand ist rot wie ein frischer Bluterguss nach einer Kneipenschlägerei, und ich erfülle meine historische Pflicht als Auslandsdeutscher. Während die Herren in Berlin und Wien Chartanalysen verfassen, Klimaziele debattieren und sich gegenseitig die Taschen volllügen, gieße ich mein Geld direkt in den Rachen des Volkes. Trocken, halbtrocken, vor allem aber trocken im Abgang und nass im Magen.

Was macht der restliche Haufen der heutigen Auslandsdeutschen an diesem glorreichen Tag? Die meisten von ihnen gründen wahrscheinlich Klubs in Paraguay oder der Schweiz, trinken lauwarmen Filtermilchkaffee, gründen Start-ups für digitale Prozessoptimierung und beschweren sich darüber, dass es in der Fremde kein vernünftiges Vollkornbrot gibt.

Scheiß drauf. Ich brauche kein Brot. Ich esse eben Kuchen. Ich brauche einen vollen Tank, einen funktionierenden Korkenzieher (nicht in Österreich, denn da gibt es nur noch Schraubverschlüsse) und meine Ruhe vor dem ganzen Scheißhaus-Zirkus da draußen.

Wir Auslandsdeutschen haben Amerika aufgebaut, die Medizin revolutioniert und die Brauereien der Welt gelehrt, wie Bier schmecken muss. Ich führe dieses Erbe fort – Flasche für Flasche, Glas für Glas, direkt an der Quelle. Also hebt das Glas auf die Auslandsdeutschen. Besonders auf die, die nicht stolpern oder wandern, sondern rollen. Und ganz besonders auf diejenigen, die das Bruttoinlands-produkt eines ganzen Alpenstaates auf ihren eigenen, verdammten Schultern tragen.

Prost, ihr Aasgeier. Die nächste Runde geht auf mein Konto – und die österreichische Wirtschaft dankt es mir auf Knien.

Der absolut unbeliebteste Deutsche in Deutschland, der milliardenweise Geld ins Ausland schafft, heißt heute allerdings Pinoccio. 

Nur wohnt er streng genommen gar nicht im Ausland, sondern im Sauerland – obwohl das in gewisser Art und Weise verdammt nochmal auch schon Ausland ist. Oder?

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