Zweieinhalb Monate, tausende Kilometer - Die ersten Tage tun immer so, als wären sie wichtig.
Motoren brummen, Karten werden aufgefaltet, der Alte sagt Dinge wie „Route“ und „Plan“, als hätte dieses Land jemals darum gebeten, verstanden zu werden.
Ich sitze auf dem Beifahrersitz, die Nase im Wind, der nach Metall, Staub und etwas riecht, das Menschen nicht benennen können, aber trotzdem immer wieder suchen.
Erwartung. - Der Alte riecht danach.
Er fährt, als würde er etwas jagen, das nicht sichtbar ist. Vielleicht sich selbst. Vielleicht eine Geschichte, die später alles gerade rücken soll. Ich sehe ihn an und denke: Du wirst hier nichts finden, das du nicht schon mitgebracht hast.
Ich sage nichts. Ich bin Castor. Ich warte.
Ich bin Castor. Elf Monate alt, als wir losgezogen sind. Nicht gemacht für diese Art von Welt.
Ich komme von weichem Boden.
Von Wasser ohne Geheimnis.
Von Wegen, die bleiben, auch wenn man sie verlässt.
Dann kam Mauretanien. Zweieinhalb Monate. Mehrere tausend Kilometer. Das ist das, was man zählen kann. Alles andere entzieht sich Zahlen.
Die Wüste beginnt nicht dort, wo der Asphalt endet. Sie beginnt, wenn die Geräusche verschwinden.
Weniger Motoren.
Weniger Stimmen.
Weniger Dinge, an denen sich der Kopf festhalten kann.
Irgendwann bleibt nur noch der Wind. Und selbst der erklärt nichts.
In der dritten oder vierten Woche hört der Alte auf, ständig zu reden. Am Anfang kommentiert er alles.
„Schau dir das an.“
„Unglaublich. WOW“
„Wie groß.“
Als müsste man die Welt bestätigen, damit sie existiert. Später sagt er weniger. Noch später fast nichts.
Dann schaut er. Richtig. Nicht kurz. Nicht flüchtig. Sondern so, als würde er versuchen, etwas zu verstehen, das sich nicht erklären lässt. Ich mag diese Phase. Da wird er ehrlicher.
Es gibt dieses Wort, das der Alte früher benutzt hat. „Arm.“ Ich habe gehört, wie es in seinem Kopf herumlag, bevor wir hier waren. Hier funktioniert es nicht. Hier fehlt Geld. Das stimmt. Aber es erklärt nichts. Ich habe einen Mann gesehen, der wenig besitzt, was man zählen kann. Und trotzdem steht er da, als wäre das genug.
Der Alte versucht das zu greifen. Er scheitert daran. Gut. Manche Dinge verlieren ihre Wahrheit, sobald man sie in Worte zwingt.
Die Savanne kommt leise.
Der Sand wird weniger, das Leben mehr. Und dann sind sie da. Dornenbüsche. Überall. Sie sehen harmlos aus. Bis sie in der Pfote stecken. Dann sind sie alles. Jeder Schritt wird eine Entscheidung. Zu schnell falsch. Zu langsam auch falsch.
Ich lerne, vorsichtiger zu gehen. Trotzdem trifft es mich immer wieder. Dieser kurze, scharfe Schmerz. Ich bleibe stehen. Ziehe den Dorn heraus. Der Alte kniet sich oft zu mir. Schaut meine Pfoten an. „Verdammt…“ sagt er.
Ich sehe ihn an. Es gehört dazu. Hier wächst nichts ohne Widerstand.
Vier Tage Weichsand.
Vier Tage, in denen alles nur aus zwei Zuständen besteht: Fahren. Stecken bleiben. Taktieren
Der Sand trägt nicht. Er verschluckt. Langsam. Geduldig. Wie etwas, das weiß, dass es gewinnt. Das Auto ächzt. Metall spricht ehrlich. Es sagt dem Alten genau, wann es zu viel wird. Und es wird oft zu viel.
Er gräbt.
Schiebt.
Schweigt.
Schweiß verschwindet sofort im Sand. Nichts bleibt hier lange.
Am zweiten Tag gibt es noch ein kurzes Lachen. Am dritten kaum mehr. Am vierten nicht. Nur noch Bewegung. Nur noch Weiter. Der Alte wird ruhiger. Er versteht, dass es hier nicht ums Durchkommen geht. Sondern ums Nicht-Aufgeben.
Die Guelta kommt wie etwas, das eigentlich nicht existieren dürfte.
Wasser. Mitten in Stein und Hitze. Still. Dunkel. Alt. Ich rieche es zuerst. Der Alte wird langsamer. Wasser verändert alles. Nicht beruhigend. Eher wach.
Dann sehe ich sie. Augen über der Oberfläche. Körper wie Stein, der vergessen hat, dass er lebt. Wüstenkrokodile. Sie bewegen sich kaum. Sie müssen nicht. Zeit gehört ihnen.
Der Alte steht zu lange da. Zu nah. Dann kippt etwas. Bewegung im Wasser. Spannung in der Luft.
Paviane. Schnell. Viele. Nicht neugierig. Nicht spielerisch. Berechnend. Sie kommen aus dem Fels wie eine Entscheidung, die schon lange gefallen ist.
Vier bewegen sich direkt auf uns zu. Zähne. Schreie. Der Alte ruft meinen Namen. Ich höre ihn. Aber ich höre auch das andere. Alles wird klar. Kein Denken mehr. Nur Richtung.
Die Situation kippt erst, als der Alte laut wird. Bewegung macht. Etwas wirft. Hupt.
Die Paviane ziehen sich langsam zurück. Nicht besiegt. Nur uninteressiert. Als wären wir eine Rechnung, die sich nicht lohnt. Zurück bleibt Stille. Und etwas im Körper, das noch lange nachläuft. Und sie beobachten uns weiter wie ein saftiges Steak.
Dann die Zecken.
Dutzende. Riesig, wie ein Daumennagel. Zu schnell. Zu falsch schnell. Nicht kriechend. Jagend. Sie kommen auf uns zu. Gezielt. Der Alte lacht kurz. Dann nicht mehr. Weil sie nicht aufhören. Sie kommen näher. Der Alte bewegt sich hektisch. Zu hektisch. Ich bleibe nah. Instinkt. Er wechselt die Richtung. Die Viecher hinterher. Wie im Horrorfilm. Das hier ist nichts fürs Denken. Nur für Abstand.
Dann plötzlich weniger. Oder wir weiter. Ich weiß es nicht. Aber etwas bleibt. Das Wissen, dass selbst das Kleine hier gefährlich sein kann.
Nachts wird alles klarer.
Hitze zieht sich zurück. Der Himmel öffnet sich. Der Alte schaut lange nach oben. Als hätte er vergessen, dass es das gibt. Einmal sagt er leise: „Das ist verrückt.“ Nein. Das ist nur da. Ihr wart nur lange woanders.
Der Alte verändert sich.
Langsam. Er redet weniger. Er schaut länger. Manchmal sitzt er einfach da. Ohne Ziel. Das ist neu. Und gefährlich für jemanden wie ihn. Wenn nichts mehr zwischen ihn und seine Gedanken passt.
Eines Nachts wacht er auf. Setzt sich hin. Schaut in die Dunkelheit. Ich gehe zu ihm. Setze mich daneben. Nach einer Weile sagt er:
„Was machen wir hier eigentlich?“ Ich denke: Endlich.
Die Tage danach sind anders.
Nicht sichtbar. Aber spürbar. Weniger Druck. Weniger Flucht nach vorne. Mehr Raum.
Wir fahren durch kleine Orte. Einzelne Begegnungen. Kurze Blicke. Ein Kind, das am Wagen steht. Ein älterer Mann, der nichts sagt. Kein Theater. Nur Nähe auf Zeit. Der Alte beobachtet das. Mehr nicht.
Dieses Land ist nicht arm. Es hat wenig Geld. Das ist nicht dasselbe. Hier fehlt vieles, das man kaufen kann. Aber nicht das, was trägt, wenn alles andere wegfällt. Der Alte hat lange gebraucht, das nicht zu verwechseln. Jetzt versucht er nicht mehr, es zu erklären. Nur noch zu sehen.
Ich denke oft darüber nach, wer ich hier bin. Nicht der Hund von früher. Nicht der vom weichen Boden. Hier bin ich wacher. Strenger. Ehrlicher. Ich reagiere nicht mehr auf alles. Nur noch auf das, was wirklich zählt.
Zweieinhalb Monate. Mehrere tausend Kilometer. Das ist vorbei. Und gleichzeitig nicht. Weil etwas geblieben ist.
Nicht im Auto. Nicht im Gepäck. Sondern im Alten. Und in mir. Demut.
Die Wüste hat nichts gegeben. Sie hat genommen. Lärm. Ego. Sicherheit. Und irgendwo dazwischen etwas hinterlassen, das sich nicht in Worte fassen lässt.
Wir fahren. Vielleicht zurück. Vielleicht weiter. In diesem Land ist das kein Unterschied.
Ich lege den Kopf ab. Der Motor läuft ruhig. Der Alte fährt. Nicht mehr gegen das Land. Sondern mit dem Wissen, dass er es nie kontrolliert hat.
Ich bin Castor. Ich war dort.
Staub in der Nase.
Dornen in den Pfoten.
Und ein Blick auf die Welt, der nicht mehr ganz zurückgeht.
Mauretanien bleibt. Nicht als Ort. Sondern als etwas, das sich festsetzt. Still. Unaufdringlich. Und dauerhaft. Wir kommen wieder denn wir haben in Mauretanien viele neue Freunde gefunden. Ingenieure. Einige sprechen deutsch. Andere Englisch. Aber alle sprechen dort mit dem Herzen.









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